In der von Hanns-Josef Ortheil herausgegebenen Reihe "Kreatives Schreiben" widmet sich dieser Band einer Form, die leichter scheint als sie ist. Darauf wird gleich im Vorwort hingewiesen. Mit welchen Tücken man rechnen muss und welche Tricks den Schreibenden zur Verfügung stehen, gibt im Folgenden Christian Schärf, Hochschuldozent am Deutschen Institut der Universität Mainz, bekannt. Und weil er selber zu den bedeutenden deutschen Schriftstellern der Gegenwart zählt, darf man mit einem hohen Praxisbezug rechnen.
Wenige Schriftsteller sind für die Einführung des Themas so geeignet wie Cesare Pavese, der sein Tagebuch "Il mestiere di vivere" nennt, was man mit "Das Handwerk des Lebens" übersetzen kann. Der Idee des Handwerks wird auch gerecht, dass Christian Schärf Theorie und Übungsmaterial auf 25 Kapitel verteilt, die ich hier natürlich nicht alle wiedergebe.
Wie viele Formen des Tagebuchschreibens es gibt, wurde mir zum erstem Mal klar, als ich im Berliner Museum für Kommunikation die Ausstellung "Tagebuch: Unsterblichkeit für alle" besuchte. Beschränkung bei einem Buch mit 150 Seiten ist also angesagt. Doch Christian Schärf wird der Vielfalt an persönlichen Interpretationen dieser Gattung mit seiner Auswahl mehr als gerecht.
Erstaunlicherweise, didaktisch aber clever, wird man bei den beiden ersten Übungen dazu angehalten, so rasch wie möglich zu schreiben. Und als Motivator wirkt kein Geringerer als Franz Kafka. Ob es um anarchische Notizbücher, Schreibkalender, pedantische Chroniken, Arbeitsjournale oder autobiographische Collagen geht, immer finden sich hervorragende Beispiele aus der Literatur und ermunternde Worte des Schreiblehrers Christian Schärf. Zudem weisen die gestellten Aufgaben darauf hin, dass sie von jemandem gestellt werden, der sich in der Materie bestens auskennt und ihre Tücken verinnerlicht hat. Nicht vergessen sollte man allerdings, dass es sich um einen Kurs handelt und die reine Lektüre des Buches so gut wie nichts bringt.
Mein Fazit: Die neue Reihe "Kreatives Schreiben" gehört zum Besten, was ich zum Thema bisher gelesen habe. Und es ist wohl kein Zufall, dass viele Übungen auch in Kursen auf dem Programm stehen, in denen angehende oder seiende Werbetexter sitzen. Schön, dass die Herausgeber und Autoren dieser Reihe die Meinung teilen, dass man auch beim Schreiben zuerst das Handwerk erlernen muss, bevor man das Publikum mit Kunst überraschen kann. Das gilt für die literarische Gattung Tagebuch ebenso wie für alle Formen des Mitteilens im Internet.