Sie scheinen uns zu faszinieren, die kriminellen Frauen: über die bekannteste, die ungarische "Blutgräfin" Erszébet Báthory gibt es mehrere Kinofilme (
Die Gräfin,
Báthory), von Adele Spitzeder (1832-1895) handelte kürzlich ein Film im Fernsehen (
Die Verführerin Adele Spitzeder) und Bonnie Parker (die von
Bonnie und Clyde), ist sowieso Legende. Die Biografie von Kate Barker (1873-1935) diente als Vorbild für "Ma Dalton" aus den Lucky-Luke-Comics und dem Hit
Ma Baker von Boney M. aus den 70er Jahren.
Es verschlägt einem die Sprache, wenn man von den bitterbösen Taten der insgesamt 30 gewalttätigen Frauen, die in dieser Porträtsammlung genannt werden, liest. Wohlgemerkt: wir bewegen uns nicht im Bereich des Märchens - diese Frauen haben wirklich gelebt und sind wirklich gestorben, manche still und leise, manche wurden hingerichtet, von manchen weiß man nicht, was aus ihnen geworden ist (z.B. Kate Bender 1848 - 1873?, verschwand spurlos).
Christoph Nettersheim listet in 30 Kurzbiografien unsentimental und sachlich die weiblichen Gräueltaten auf: dabei sind oft niedere Beweggründe, wie Luxussucht, Habgier oder Eifersucht das Motiv, manchmal besteht aber auch nur die Lust am Töten, wie im Falle der o.g. Gräfin Erszébet Báthory (1560-1614), gegen die die ungarische Obrigkeit 30 Jahre lang nichts unternommen hat, da man gegen den Hochadel nun einmal nichts unternahm.
Dabei müssen wir uns diese Frauen nicht abstoßend, unansehnlich und widerlich vorstellen, nein - Zitat, sie wirkten z.B. "unauffällig" (Marie Alexandrine Becker, 1877-1938), hatten ein "sympathisches Wesen" (Louise Peete, 1880 - 1947) oder waren die "Verkörperung der freundlichen, hilfsbereiten, großmütterlichen Frau" (Dorothea Puente, 1929-2011). Schon im Vorwort berichte der Autor von einer Frau, die wegen Mordes an ihren drei Ehemännern vor Gericht stand. Zitat: "Die Indizienlage war erdrückend. Doch Becky war so bezaubernd schön, ihr tränenreicher Auftritt so anrührend, dass die Geschworenenjury es nicht über sich brachte, sie zu verurteilen ..."
Um eine der Kurzbiografien zu lesen, braucht man zwischen fünf und zehn Minuten. Der Stil von Christoph Nettersheim ist klar und gut lesbar; leider erspart er uns keine unappetitlichen Details - doch die gehören bei so einem Thema vermutlich dazu. Dennoch kann auch der Autor den Motiven dieser 30 bitterbösen Frauen nur nachspüren. Es will einem nicht wirklich einleuchten, warum jemand so abgrundtief böse Dinge tut.
Fazit: Bei einigen der 30 Kurzbiografien wurde mir ganz anders; wer die Frau nach diesem Buch noch für das schwache Geschlecht hält, ist unbelehrbar. 4 Punkte für die Recherchearbeit und den Erzählstil von Christoph Nettersheim. Zu 5 Punkten kann ich mich allein schon wegen der Frage nach der Moral nicht durchringen.