Hans Magnus Enzensberger hat sich seit Ende der fünfziger Jahre immer wieder in die politische, philosophische und literarische Diskussion in Deutschland eingemischt. Er gehörte zu den Gründern wichtiger Zeitschriften wie dem "Kursbuch" oder "Transatlantik", hat selbst zahllose Essay- und Gedichtbände veröffentlicht.
Wenn er jetzt in einer erheblich erweiterten Fassung eines zunächst im November 2005 im SPIEGEL erschienenen Essays zu den Diskussionen über islamistischen Terrors und Gewalt Stellung nimmt, erwartet man eine Sicht der Dinge, erwartet man Argumente und Hinweise, wie sie vorher so noch nicht in der Debatte zu hören oder zu lesen waren.
Und Enzensberger gelingt es tatsächlich in "SchreckensMänner. Versuch über den radikalen Verlierer" ein ganz eigenes Bild von Menschen zu zeichnen, an deren Entwicklungsende der Amoklauf oder das Selbstmordattentat steht.
Das ist sehr aufschlussreich und zeigt durch historische Parallelen (Hitler z.B.), daß das Phänomen nicht neu ist. Wenn der radikale Verlierer sich vergesellschaftet, eine Verliererheimat findet, dann potenziert sich die destruktive Energie, oft in einer jener zahllosen, sich Befreiungsbewegung nennenden Gruppen auf der Welt, denen es doch am Ende nur um ihre eigene Macht/Ohnmacht geht oder ging.
"Seitdem existiert nur noch eine einzige gewaltbereite Bewegung, die in der Lage ist, global vorzugehen. Das ist der Islamismus." (25)
Enzensberger beschreibt in der Folge den Niedergang der islamischen Gesellschaft seit dem Mittelalter und zitiert den "Arab Human Development Report" der UN, wo, von islamischen Wissenschaftlern erforscht, den islamischen Staaten ein trauriges Zeugnis ausgestellt wird. Mangelnde Bildung, die inferiore Stellung der Frauen, fundiert im Koran, und ein eklatantes Demokratiedefizit dieser autoritären Regimes werden diese Gesellschaften auch auf lange Zeit unter der extremen Abhängigkeit vom Westen leiden lassen, von der sich die SchreckensMänner doch gerade befreien wollen.
Diese quasi täglich erfahrene Verlierersituation kollidiert mit einem Selbstbild, das alle anderen Menschen, die nicht Muslime sind, als minderwertig herabstuft.
"An Lösungen für das Dilemma der arabischen Welt ist der Islamismus nicht interessiert; er erschöpft sich in der Negation. Es handelt sich um eine im strengen Sinn unpolitische Bewegung, da sie keinerlei verhandelbare Forderungen erhebt. Im Klartext wünscht sie, daß die Mehrheit der Bewohner des Planeten, die aus Ungläubigen und Abtrünnigen besteht, kapitulieren oder umgebracht werden soll. Dieser brennende Wunsch ist unerfüllbar. Gewiß reicht die destruktive Energie der radikalen Verlierer aus, um Tausende, vielleicht Zehntausende von Unbeteiligten umzubringen und die Zivilisation, der sie den Kampf angesagt hat, nachhaltig zu beschädigen.... Dies alles kann der Islamismus als Erfolg verbuchen. Es ändert jedoch nichts an den tatsächlichen Machtverhältnissen.
Dagegen sind die Konsequenzen für die arabischen Gesellschaften fatal. Denn die langfristig verheerendsten Folgen wird nicht der Westen zu tragen haben, sondern jene Weltregion, in deren Namen der Islamismus agiert. Nicht nur Flüchtlinge, Asylsuchende und Migranten werden darunter leiden. Ganze Völker werden durch die Aktionen ihrer selbsternannten Stellvertreter, jenseits aller Gerechtigkeit, einen immensen Preis bezahlen müssen. Die Vorstellung, daß der Terror ihre Zukunftsaussichten, die ohnehin schlecht genug sind, verbessern könnte, ist absurd. Die Geschichte kennt kein Beispiel, daß regredierende Gesellschaften, die ihr eigenes produktives Potential abwürgen, auf Dauer überlebensfähig sein könnten."
Ein eindrucksvolles Stück politischer Prosa, das man sich in der deutschen Öffentlichkeit häufiger wünschen würde.