38 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Nevid Karmani: Die Idee vom "sündigen" Gott, 16. Februar 2006
Rezension bezieht sich auf: Der Schrecken Gottes. Attar, Hiob und die metaphysische Revolte (Gebundene Ausgabe)
Ausgehend von einem prägenden Kindheitserlebnis - dem schrecklichen und entwürdigenden Sterbevorgang seiner - persischen - Großmutter, die in diesem letzten Lebensabschnitt zwar stumm war, aber an Gott - Allah - zu verzweifeln schien - stellt Karmani mit selten plastischer Dringlichkeit die - uralten Menscheitsfragen nach Gott: wenn es nur einen Gott gibt und dieser sowohl allmächtig wie gut ist - woher kommt dann das Böse auf der Welt? Ist Gott hierfür dann nicht verantwortlich zu machen, bzw., ist es nicht er selbst - und nicht der Mensch, der daran letztlich die Schuld trägt? In einer selten spannenden Übersicht stellt der Autor die unterschiedlichen Herangehensweisen und Deutungsversuche vor, die die orientalisch-abendländische Kultur gegenüber diesen Fragen im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat. Im Mittelpunkt stehen dabei die drei großen monotheistischen Religionen: zuerst der Islam - aus Sicht des - islamischen - Autors durchaus verständlich, doch werden auch ausführlich die jüdische alttestamentarische als auch die christliche Herangehensweise an dieses Problem behandelt. Aber auch die moderne, teils vom Atheismus geprägte, moderne Literatur kommt gebührend zu Wort. Dabei werden die zahlreichen gegenseitigen Verschränkungen und Verzahnungen deutlich, in der all diese Kulturkreise über die Jahrhunderte hinweg zueinander standen und bis heute noch stehen. Überraschend stellen sich dabei die Ähnlichkeiten der jeweils "orthodoxen" Fassungen dieser drei Religionen untereinander häufig als stärker ausgeprägt heraus als die zu ihrer jeweils mystischen Version - wie auch in gleicher Weise diese mystischen Versionen - die jüdischen Propheten und sonstigen "Gotteskritiker", die christlichen Eremiten und Märtyrer insbesondere des frühen Christentums sowie die tanzenden Derwische, Narren und Dichter des islamischen Sufismus - untereinander jeweils starke Ähnlichkeiten aufweisen - nicht zuletzt in der massiven Ablehnung als Ketzer, die sie von ihren orthodoxen Pendants regelmäßig erfahren haben.
Die beiden Hauptschwerpunkte der Betrachtung sind einerseits das Werk des frühislamischen Mystikers Attar und andererseits die Gotteskritik der - ursprünglichen - Hiobsgeschichte.
Eine Ebene tiefer als der abendländische Atheismus, der aus dem oben skizzierten Widerspruch zwischen Güte und Allmacht Gottes zu dem Ergebnis kommt: also gibt es ihn gar nicht, schlägt Karmani eine andere Auflösung vor: vielleicht, so sein Vorschlag, schuf Gott (Jhwe, Allah) den Menschen nicht primär deswegen, damit dieser ihn erkenne sondern umgekehrt: Vielleicht bestand der ursprüngliche Sinn der Schöpfung des Menschen durch Gott darin, daß Gott sich ein Gegenüber schaffen wollte, ein Objekt für seine Launen, aber auch für seine Gnade und seine Allmacht. So gesehen, ist es keineswegs ausgeschlossen, daß Gott gerade den Menschen besonders liebhat, der ihm zürnt, der ihn anschreit, der ihn beleidigt - da er sich hier am stärksten widerspiegelt bzw. von diesem die intensivste Resonanz erfährt.
Kurzum: eine höchst lesenswerte Präsentation gesamt-orientalisch-europäischer Geistesgeschichte auf höchstem Niveau, gleichzeitig eine tiefgreifende Aufbereitung zentraler religiöser Fragen, deren Lektüre man jedem Interessierten nur dringend empfehlen kann, und schließlich - indirekt - ein Plädoyer an alle drei Kulturen, sich gegenseitig zu respektieren - indirekt, weil es erfrischenderweise darauf verzichtet, dies auch nur an einer einzigen Stelle ausdrücklich auszusprechen!
Nur noch eine Warnung zum Schluß: dieses Buch ist (fast) alles, nur eines nicht: eine leichte Feierabendlektüre!
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13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Anspruchsvoll und anregend, 30. April 2006
Rezension bezieht sich auf: Der Schrecken Gottes. Attar, Hiob und die metaphysische Revolte (Gebundene Ausgabe)
Eine ausgesprochen anregende Lektüre, die sehr anempfohlen werden kann.
Im Zentrum des Buches steht zwar ein moslemischer Dichter, und der islamische Ansatz zur Rechtfertigung Gottes ist der Ausgangspunkt der Überlegungen. Das Buch ist aber keine islamtheoretische Abhandlung, sondern viel breiter angelegt. Es wendet sich an anspruchsvolle Leser, die an Literaturgeschichte, Philosophie und, ja, auch an Theologie ein tiefergehendes Interesse haben.
Das Buch ist nicht einfach zu lesen. Das liegt nicht am Schreibstil. Ganz im Gegenteil. Kermani schreibt elegant und argumentativ bestechend. Überflüssiges wird weggelassen. Die Ausdrucksweise ist treffend, präzise und prägnant.
Das heißt aber auch, daß man jeden Satz aufmerksam lesen muß. So manches Mal muß man zweimal lesen (ich zumindest), über das Gelesene nachdenken und den Inhalt sacken lassen, bevor man umblättert.
Dieses Buch zu lesen fordert also Zeit und Muße.
Man sollte es sich vornehmen, wenn man entspannt und geistig offen genug ist, um sich mit der Materie zu befassen. Und die ist schwierig genug.
Es geht um die Frage der Theodizee.
Kermani geht von dem persischen Dichter Attar des 12. Jahrhunderts aus, der das menschliche Leiden mit großer Eindringlichkeit beschreibt und dabei der Frage nachgeht, wie Gott es zulassen kann, daß ein solches Leiden auf der Welt existiert.
Dabei läßt es Kermani aber nicht bewenden, sondern zieht als Zeugen jüdische, christliche und atheistische Autoren aus Vergangenheit und Gegenwart von Maimonides über Leibniz und Heinrich Heine bis hin zu Erich Fromm und Hans Jonas hinzu, um nur ein paar herausragende zu nennen. Er zitiert ihre Schriften und stellt dabei aufschlußreiche Parallelen zu dem Moslem Attar im 12.Jahrhundert fest, die er argumentativ sehr schlüssig darlegt. Mich haben die Verweise dazu angeregt, mehr zu lesen. Vor allem Heinrich Heine, der mit dem wunderbaren Satz zitiert wird: "Gottlob, daß ich jetzt wieder einen Gott habe, da kann ich mir doch im Übermaße des Schmerzes einige fluchende Gotteslästerungen erlauben; dem Atheisten ist eine solche Labung nicht vergönnt".
Kermani stellt folgende Attribute Gottes fest: Güte, Allmacht und Erkennbarkeit. Dem Attribut Allmacht ist der besprochene Band gewidmet. Muß man seine Dissertation mit dem wunderbaren Titel "Gott ist schön" (die erheblich akademischer abgefaßt ist, als das besprochene Buch) so verstehen, daß sie dem Attribut, der Erkennbarkeit gilt? Dann dürfen wir auf den dritten Band dieser "Trilogie" gespannt sein, der die Frage der Güte Gottes aufnimmt. Sicherlich wird es eine ebenso anregende und weiterführende Lektüre sein, wie das Buch über Attar.
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