Kurzbeschreibung
Zwei aufregende Italienerinnen machten die Deutschen in den 50ern verrückt. Die eine, Gina Lollobrigida, sorgte mit ihren Filmen (und ihren Formen) für volle Kinos. Die andere, Signorina Lambretta, verdrehte (mit ihren Formen) 1950 auf der Frankfurter Automobilausstellung Männern ebenso wie Frauen den Kopf. Nur handelte es sich bei der fraglichen Dame um kein Geschöpf aus Fleisch und Blut, sondern um einen exquisiten Motorroller, hergestellt vom früheren Flugzeugbauer Innocenti in Turin. Es war der Motorrad-Hersteller NSU, der die Lambretta über die Alpen holte und sie als Lizenzbau in Neckarsulm produzierte. Wie die Schwaben den Roller zum Renner machten, schildert jetzt Peter Schneider in seinem Buch 'NSU Lambretta - Prima, 1950-1964', das im Stuttgarter Schrader Verlag erschienen ist. Unterm Blech des 'NSU-Lambretta-Autorollers', wie das Gefährt offiziell hieß, steckte jede Menge technisches Know-how. Vor dem Hinterrad saß ein Flachkolben-Zweitakter mit 4,5 PS und 125 Kubikzentimetern, der für 70 Stundenkilometer gut war und sich mit zwei Litern Benzin auf 100 Kilometer begnügte. Die Straßenlage des Rollers war erste Sahne, die Federung schluckte selbst grobe Schlaglöcher. Die NSU-Konstrukteure begnügten sich allerdings nicht damit, die Original-Lambretta einfach nachzubauen. Sie spendierten ihr zum Beispiel ein Armaturenbrett mit beleuchtetem Tachometer, einen abschließbaren Handschuhkasten, ein Sicherheitslenkschloß und ein Reserverad. Das hoch heraufgezogene Vorderteil bot Schutz gegen Straßenschmutz. Mit einem Autoroller, so die NSU-Werber, konnte man 'im besten Anzug zu einer Besprechung und im schönsten Kleid in die Stadt fahren; man steigt aus wie aus einem schnittigen Kabriolet.' Daß sich auch Roller wie die 1955 eingeführte Luxus-Lambretta und die mit üppigem Chrom-Zierat ausgestattete 'Prima' in diesem Buch von ihren besten Seiten zeigen, kommt freilich nicht von ungefähr. Denn Peter Schneider stellt alle Fahrzeuge durch aufwendige Reprints der Original-Prospekte, Verkaufsbroschüren und Betriebsanleitungen des Herstellers vor. 1959 beendete NSU übrigens das Kapitel Lizenzbau und stellte mit der 'Prima Fünfstern' (Prima V) eine eigene Entwicklung auf die Räder - den gediegensten Roller, der je in Neckarsulm vom Band lief. Ausgefeilte Bildtexte informieren den Leser über Produktion und Technik von Lambretta & Co. Im ersten Kapitel resümiert Peter Schneider die Entwicklungsgeschichte der NSU-Roller, die es bis zum Stop der Produktion im Jahr 1964 auf 278.974 Exemplare brachten. Im Anhang finden sich die wichtigsten technischen Daten sämtlicher Autoroller. Die Daten der NSU-Maxima allerdings wird man hier vergeblich suchen. Das Sportfahrzeug wurde noch vor der geplanten Präsentation auf der IFMA im September 1960 zurückgezogen. Die Zeit des Rollers war nämlich endgültig abgelaufen. Der deutschen liebstes Kind mußte jetzt auf vier Rädern rollen.
Autorenporträt
Peter Schneider, Oberstenfeld, Jahrgang 1936, begann seine Karriere bei der NSU-Presseabteilung und beendete sie als Museumsleiter bei Porsche. 1997 veröffentlichte er die NSU-Story, 1998 folgte ein NSU-Band im Rahmen der Schrader-Motor-Chronik und 1999 sein erster Typenkompass über die Trecker der Marke Lanz.