Was "Altersweisheit" ist, weiß man wahrscheinlich erst, wenn man sie hat. Schopenhauer wusste es. "Die ersten vierzig Jahre unseres Lebens liefern den Text, die folgenden dreißig den Kommentar dazu." So jedenfalls hat sich der Philosoph einmal geäußert. Schließlich gilt er als Erfinder der Altersweisheit.
Otto A. Böhmer, promovierter Philosoph, kennt sich mit Schopenhauer aus. "Vom jungen Schopenhauer" hat er bereits in einem früheren Buch geschrieben. Jetzt widmet er sich noch einmal dem philosophischen Griesgram, dem Grobian, dem Misanthropen. In seinem neuen Buch "Schopenhauer und Die Erfindung der Altersweisheit" stellt er uns dessen Leben und Denken vor und zeigt auf, wie beides zusammenhängt.
Dem Lieferanten griffiger Aphorismen, oft boshaft und bissig, aber immer klug, hat sich im Laufe seines Lebens und mit zunehmendem Alter gegönnt, was jedem gegönnt sein mag: Gelassenheit und Heiterkeit. Das aber hat ihn einiges gekostet. Schließlich kannte er die Fährnisse und Unbilden des Lebens, diese "missliche Sache", über die er ein ganzes Leben lang nachgedacht hat. Schließlich ist der Mensch auch nicht da, um glücklich zu sein - wozu aber dann? Dazu, und das glit erst einmal nur für ihn, die Philosophie zu erneuern, zu revolutionieren(?), weg von der akademischen Phillosophie, hin zu einem neuen Denken, das die abendländische Traditionen verbindet mit fernöstlichen Weisheiten. In "Die Welt als Wille und Vorstellung", in "Parerga und Paralipomena" und in "Senilia" ist es nachzulessen.
In oft sehr prononcierte Sentenzen, die gut und gern als Anleitungen gelten können. begegnet uns Schopenhauer als der "Lebensberater", als den ihn Otto A. Böhmer sieht. So sollte man Böhmer Kapitel für Kapitel dieses anregenden Buches folgen, in denen er den Kapitalisten Schopenhauer porträtiert, dessen "saugrobe Formen" oft genug irritiert haben, den "eigentlichen Menschen", der es mit "Herzensangelegenheiten" zu tun hatte; der sich philosophierend, schriftstellernd durch das Leben geschlagen hat, der mit sich mit Philosophem gestritten hat und mit seiner Familie, der Tiere (seinen Pudel) wohl mehr geliebt hat als Menschen, dem am Ende doch wieder sein Mitleid galt.- Ein "durchweg zweideutiges Leben" also.
Und so sieht Otto A. Böhmer den Philosophen am Ende milder gestimmt, altersweise. "Wie Fackeln und Feuerwerk vor der Sonne unscheinbar werden, so wird Geist, ja Genie und ebenfalls die Schönheit überstrahlt und verdunkelt von der Güte des Herzens.", zitiert Böhmer den Alten aus Frankfurt. Und weiter: "Ein solcher Mensch, der nach vielen bitteren Kämpfen... seine eigene Natur endlich ganz überwunden hat, ist nur noch als erkennendes Wesen, als ungetrübter Spiegel der Welt übrig. - Er blickt nun ruhig und lächelnd zurück auf die Gaukelbilder dieser Welt, .... die aber jetzt so gleichgültig vor ihm stehen...".