Diese CD ist so etwas wie "Best of Hannes Wader" der ersten dreißig Jahre, wobei die Zeitrechnung schon 1962 beginnt, also 7 Jahre bevor er die erste Platte veröffentlichte. 1962, so wird im informativen Beiheft berichtet, war das Jahr, in dem Wader begann, als Musiker aufzutreten.
Was mir an Wader so gut gefällt, ist, dass er musikalisch nicht einseitig ist. Und auch die Texte sind mal witzig oder sarkastisch, anklagend oder melancholisch. Er ist eigentlich nie berechenbar und daher auch nie langweilig. Sein Stil ähnelt vielleicht am ehesten dem des jungen Bob Dylan, wenn er sozialkritisch wird, und dem des frühen Donovan, wenn er verträumt und melancholisch ist. Liedermacher hat man diese Musiker früher genannt. Das Arrangement ist fast immer recht schlicht: Fingerpicking auf der akustischen Gitarre ohne Begleitung durch eine Band. Aber das soll nur die Texte, die oft sehr lang sind, hervorheben.
Alle 14 Titel auf dieser CD gefallen mir sehr. Wader hat nie einen großen Hit gelandet, aber sein bekanntestes Lied ist sicherlich "Heute hier, morgen dort" - ein schöner Folk-Song. "Das Lied vom kleinen Mädchen" könnte auch von Reinhard Mey sein. "Kokain" ist eine witzig-derbe Adaption des Blues-Klassikers von Reverend Gary Davis. "Der Tankerkönig" ist offensichtlich durch Arlo Guthrie's "Alice's Restaurant" stark inspiriert worden. Fetzig und ironisch ist das Spätwerk von 1991 "Schön ist die Jugend". Mein Lieblingsstück ist aber "Hotel zur langen Dämmerung" - eine gespenstige Geschichte mit einer passenden Melodie. Mit diesem Song kann er leicht mit den besten Dylan Songs mithalten. Überhaupt muss Wader nicht den Vergleich mit Dylan scheuen. Bei Dylan ist schon lange die Luft raus (im wahrsten Sinn des Wortes), aber der alte Wader ist mindestens genauso gut wie der junge, wie auf der jüngsten Tournee zu hören war.