Meine Meinung zu diesem Hörbuch hat sich während der vier CD's um fast 180° gedreht. Während ich es zunächst eher in Etappen gehört hatte, da sich die einzelnen Kapitel naturgemäß auf verschiedene Ereignisse beziehen und man folglich keinen roten Faden hat, den man verlieren könnte, stieg ich irgendwann auf Langstreckenhören um. Und siehe da, so kompakt gefiel mir das Hörbuch einiges besser. Ich verlor nämlich die mühsame Komponente: Das Gefühl, gut zuhören zu müssen, um sich Jahreszahlen einzuverleiben oder sich an den Geschichtsunterricht erinnern zu wollen. Pustekuchen, das sollte man bei Schnick Schnack Schnuck hübsch bleiben lassen und sich einfach von Oliver Rohrbecks Stimme auf eine humorvolle Zeitreise mitnehmen lassen.
Langweilig wird die Geschichtslektion garantiert nicht. Das gelingt Schulte-Richtering auf alle Fälle durch seine freche Schnauze. Die Machenschaften der umtriebigen Römer müssen sich den Vergleich mit den Dramoletten in den TV-Soaps der Privatsender gefallen lassen - und die TV-Macher stehen am Ende als Weicheier da, weil ihnen die wüsten Einfälle von Nero und Konsorten für's Fernsehprogramm sicher viel zu wild wären. Goethe wird zum Bräutigam, der sich nicht traut und der es neben seinen Weibergeschichten noch hinbekommt, das eine oder andere Theaterstück zu schreiben. Richard Wagner entpuppt sich als großer Zampano, wie ich ihn mir im heutigen Musikgeschäft kaum vorstellen kann: Er macht zwar gute Musik, lebt aber hoffnungslos über seine Verhältnisse und ist immerfort vor zahllosen Gläubigern auf der Flucht. Während ich bisher immer nur von seinen musikalischen Leistungen erfahren durfte, mischt Schulze-Richtering kräftig vom Wagner'schen Privatleben unter - der Musikus wäre heute ein perfekter Kandidat für all die People-Magazine im Kiosk.
Absolut eingängig finde ich die Art und Weise, wie der Ablauf der Geschichte hin und wieder mit einzelnen Menschen verknüpft wird. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wird zum Beispiel begleitet von der Schauspielerin Marion Michael, die 1956 in der Bundesrepublik als Teenager zum Leinwandstar wurde und 1979 in die DDR übersiedelte. Schulte-Richtering hat in ihr ein passendes Pendant für die Zerrissenheit der Zeit gefunden. Interessant ist die Schlussfolgerung, was hätte passieren können, wenn nicht 1870 Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen auf den spanischen Thron verzichtet hätte: Wäre dann womöglich Ferfried "Foffi" Prinz von Hohenzollern heute König von Spanien? Immerhin war Leopold Foffis Urgroßvater. Besser so, meint Schulte-Richtering, dem es schon dicke ausreicht, dass Jürgen Drews König von Mallorca ist.
Diese Form der Zeitreise hat mir unheimlich gut gefallen. Ich fand die flapsig geschriebenen - aber nicht die Fakten verzerrenden - Geschichtslektionen ausgesprochen unterhaltsam und charmant gemacht. Sie werden gekonnt gekürzt serviert und man wünscht sich solche Typen vom Kaliber Schulte-Richtering an die Schulen. Eingängiger kann man weder Geschichte noch die großen und kleinen Folgen daraus präsentieren.
Reichen die Appetithappen aus, um den einen oder anderen zur fröhlichen Geschichtsstunde auf dem Sofa anzustiften?