Ich hatte das Buch im Vorfeld bereits 2 mal gelesen (das 2. Mal kurz vor dem Sehen des Films) und hatte mich innerlich bereits auf eine Enttäuschung vorbereitet. Ich erwarte von Verfilmungen erfolgreicher Romane ohnehin, dass sie mit dem Buch meist nicht mithalten können, und mir war auch klar, dass ein über 500-seitiges Buch nur durch drastische Kürzung in einen 90-Minuten-Film gepackt werden kann. Dennoch war ich entsetzt.
Außer der Rahmenhandlung -Tobias Sartorius wurde vor Jahren wegen angeblichen Mordes an einer Mitschülerin verurteilt und jetzt aus dem Gefängnis entlassen - und den Namen einiger Personen hat die Geschichte fast nichts mit dem Buch zu tun.
Die Polizei beginnt im Film zu ermitteln, weil der Lehrer des ermordeten Mädchens nach der Haftentlassung von Tobias Selbstmord begeht, und man erfährt, dass auch Tobias Vater Selbstmord begangen hat. Beide Personen sind im Buch wichtige Handlungsträger. Man bekommt somit das Gefühl, dass Personen, die man nicht einfach herausstreichen konnte, auf diese Weise aus dem Weg geschafft werden mussten, um den Film nicht zu lang werden zu lassen.
Amelie, die herausfinden will, wer damals wirklich das Mädchen umgebracht hat, läuft im Schneewittchenkostüm durch Altenhain, um die Leute zu provozieren.
Sowohl Tobias als auch Amelie sind im Buch Personen, mit denen man als Leser sympathisieren kann, im Film gelingt mir das beim besten Willen nicht. Auch das Autorenduo Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein kommt nicht wirklich sympathisch rüber.
Weshalb man Claudius Terlinden durch seinen Sohn Lars ersetzen musste, welcher im Buch nur eine Nebenrolle spielt, ist mir ein völliges Rätsel.
Die Rollen von Christine Terlinden und Daniela Lauterbach sind auch total verdreht, sodass man sie kaum wiedererkennt. Die eigentliche Lösung des Mordfalls ist ebenfalls völlig anders, was auch daran liegt, dass im Buch Tobias 2 Mädchen umgebracht haben soll: Laura Wagner und Stefanie Schneeberger. Im Film kommt nur letztere vor, wobei das eine Kürzung ist, mit der ich leben könnte.
Dass die Lösung des Kriminalfalls anders lautet, kann ja noch damit entschuldigt werden, dass der Film auch für die Leute spannend bleiben sollte, die das Buch schon kennen - aber Spannung kam trotzdem nicht auf. Es waren für mich nur aneinandergereihte Szenen, und insbesondere die Stellen, an denen die Dorfbewohner auf die Rückkehr von Tobias Sartorius reagieren, sind einfach nur langatmig und wirken unnatürlich. Ich habe insbesondere in der ersten Hälfte des Films immer wieder auf die Uhr gesehen und darüber nachgedacht, ob ich einfach umschalten sollte. Erst die Szene, in der der geistig behinderte Thies Terlinden verhört wird, hat mich gefesselt, sodass ich den Film doch zu Ende geschaut habe. Die Aufklärung des Falls hatte ja durchaus auch eine eigene Faszination, aber meiner Meinung nach sollte man, wenn man einen Roman verfilmt, dessen Handlung nicht mindestens zur Hälfte umschreiben.
Vielleicht fällt mir das auch nur so sehr auf, weil ich das Buch kurz vorher gelesen habe, aber auch, wenn ich versuche, den Film möglichst losgelöst von der Romanvorlage zu betrachten, habe ich das Problem, dass er mich nicht wirklich fesselt und die Personen unsympathisch sind. Mein Vater, der das Buch nicht gelesen hat, hat den Film mitgeschaut und meinte, dass manche Entwicklungen ohne Kenntnis des Buches nicht zu verstehen waren. Ich finde, dass auch eine Romanverfilmung so gemacht sein muss, dass man sie versteht, ohne das Buch gelesen zu haben, was hier nicht der Fall ist. Und somit kann der Film auch losgelöst von der Romanvorlage nicht überzeugen. Aber im Prinzip waren die neuen Ideen der Filmemacher zur Handlung nicht schlecht, als eigenständiger Film in anderem Rahmen und mit anderen Personen, der in sich stimmig und verständlich ist, hätte das durchaus was werden können.
Ich würde mir die DVD nicht kaufen. Wer sich ein eigenes Bild machen will, sollte warten, bis der Film mal wieder im Fernsehen kommt.
Wer das Buch nicht gelesen hat, kann vermutlich mit der Kritik in meiner Rezension nicht viel anfangen, aber ich kann nur jedem raten, das Buch unbedingt zu lesen, auch wenn der Film vielleicht schon den einen oder anderen abgeschreckt hat. Da hat man ein wirklich spannendes Buch und mit über 500 Seiten auch ein recht langes Lesevergnügen. Zwar ist es erstmal recht verwirrend mit den vielen Personen und Handlungssprüngen, sodass man eine Weile braucht, um sich einzulesen, so ging es mir und allen anderen Lesern in meinem Umfeld zumindest. Aber dann ist es schwer, das Buch wieder wegzulegen. Und die anderen Nele-Neuhaus-Krimis sind auch lesenswert.