"und als Beweis dafür, dass Du's getan, bring' mir ihr Herz - hierdrin!"
Mit dem Mut zur dramatischen Pause und dennoch völlig lippensynchron gestaltet die leider unbekannte 1. deutsche Sprecherin ihre Rolle der bösen Königin in Walt Disneys erstem abendfüllenden Zeichentrickfilm "Schneewittchen und die sieben Zwerge". Wer einmal das Stimmvolumen dieser Schauspielerin gespürt hat, der vergisst es nicht. Welche qualitätvolle Ausbildung müssen Künstler früher gehabt haben, um derartig präsent zu sein! Welches Potential und welche Disziplin!
Schauspielerische Meisterleistung
Eine deutsche Lady Macbeth, eine waschechte Wagner-Heroine gibt da unverblümt den Mord an ihrer schönen Stieftochter Schneewittchen in Auftrag. Wie sie das macht, da bleibt einem die Spucke weg: Was zunächst wie ein gut gemeinter Ratschlag klingt, fast schon ein wenig wie ein Kochrezept, steigert sich zum unverhohlenen Wahnsinn. Es ist die Schlüsselszene des Films und in dieser Interpretation eine schauspielerische Meisterleistung, die es mehr als verdient hat aus dem Schatten der Archivregale hervorgeholt zu werden.
Trauriger Rekord: 3x synchronisiert
Drei Mal wurde der Klassiker eingedeutscht. Die 1. Fassung traf noch genau den Ton des amerikanischen Originals. Sorgfältig erstellt bis ins Detail, mit einer Sprecherriege, die direkt dem Original zu entstammen scheint, so ähnlich klingen die Stimmen. Die Sache ist von A bis Z rund! Sei es nun die meisterhafte Interpretation der Königin-Darstellerin, die einem wohlige Schauer über den Rücken jagt oder die unschuldige Stimme einer Paula Wessely in der Rolle des Schneewittchen. Kein Wunder, dass die mehrfach ausgezeichnete Wiener Burgmimin als bestes Gretchen gerühmt wird. Als Schneewittchen mit leicht österreichischem Akzent ist sie nicht weniger frisch und anrührend.
Der Tradition verpflichtet
Die Zwerge: Allesamt einzigartig! Noch voll dem K. und K.-Glanz österreichischer Schauspieltradition verpflichtet. Zucker is' futsch!", der entrüstete Vorwurf Pimpels war lange Zeit eines meiner kindlichen Schlagworte. Oder die Entdeckung Happy's: "Geschirr is' nich' gestohlen. Ist versteckt in Schrank!" Einfach perfekt! Anrührend! Witzig, ohne jede Peinlichkeit! Treuseelig singen die Zwerge hier noch: "Juchhei, Juchhei, die Arbeit ist vorbei!" und man hat seinen Spaß - wenn auch leider nur noch beim Hören der Ausschnitte auf Disney-LP.
Überwacht von höchster Stelle
Der Zauberspiegel: Als unfreiwilliger Helfer ist Aribert Wäscher ein echter Glücksgriff. Wie sein englischer Kollege musste er in eine überdimensionale Trommel klettern, um den mystischen Nachhall zu erzeugen. Walt Disney höchstpersönlich hatte die fremdsprachigen Synchronisationen überwacht. Und das merkt man! Die Texte wurden erst vom englischen ins deutsche und dann wieder rückübersetzt, um so etwaigen Verlusten in der Sprachästhetik entgegen zu wirken. Von solchen Finessen sind die beiden anderen deutschen Fassungen meilenweit entfernt.
Trivial
Sprachlich trivialisiert, bietet die 2. Synchronisation wenig Erbauliches: Die Königin Gisela Reißmanns ist allenfalls Mittelmaß, ohne Resonanz, flach und viel zu jugendlich. Uschi Wolff als Schneewittchen ist wenigstens durchgehend feinfühlig, wenn auch leicht verkniffen und ohne die Ressourcen einer Wessely. Die Zwerge machen viel Lärm. Der Spiegel ist arg desinteressiert. Wie gesagt, alles wenig erbaulich, wäre da nicht Susanne Tremper. Sie singt das Schneewittchen, dass es eine Wonne ist. Fernab von jeder Operettensoubrette zwitschert und tirilliert sie, dass es einem die Luft nimmt. Als Prinz steht ihr René Kollo gleichwertig zur Seite. Selbstverständlich, dass diese Leistungen als deutscher Soundtrack veröffentlicht wurden und dass auf die Koloraturen der Tremper in der 3. deutschen Synchronisation zurückgegriffen wurde.
Indiskutabel
Diese 3. Fassung wurde in aller Eile für die Video-Erstauswertung hingeschludert. Völlig indiskutabel! In einer unharmonischen Mischung der Texte von Fassung Eins und Zwei. Ohne jedes Gespür für Timing oder Sprecherführung! Von der Titelrolle bis zum letzten Zwerg nur Fehlbesetzungen, die hörbar mit der Stechuhr im Hintergrund durch die Märchenwelt hasten. Bei aller Liebe, da schalte ich gleich auf's englische. Was für ein Unterschied. Und was für ein Unterschied zu der oben beschriebenen 1. deutsch/österreichischen Synchronfassung mit Paula Wessely und Aribert Wäscher. Sind die bei der deutschen Disneyvertretung eigentlich unsensibel oder einfach nur schlichtweg dumm? Was sollen diese Neusynchronisationen, die selbst den schönsten Film jegliches Charisma nehmen? Ach, noch was zu den Farben: Von "weiß wie Schnee" kann in der aufpolierten DVD-Fassung keine Rede mehr sein. Die Braut erstrahlt in Pink. So zerstört man Filmlegenden! Also bauen wir uns beim Erklingen der Hörspiele eigene Träume. Mit Tremper, Wessely, Wäscher und all den alten Stimmen "reiten wir in's Glück und kehren nie mehr zurück. Dann hat sich mein Traum erfüllt!"
Fazit: Finger weg, solange Disney nicht die alte Synchronfassung freigibt und sich in den Farben an die Erstauswertung hält!