Ein Debüt wie ein Vulkanausbruch. Sprachlich und inhaltlich. Ein Satz gegen Ende des Romans könnte das Erzählte nicht treffender charakterisieren: "Das war hier aber ein Marmeladenglas voll Horror, sorgfältig zugeschraubt und ultrahocherhitzt."
Wie in ein Marmeladenglas eingesperrt irrt der Protagonist durch eine polnische Kleinstadt mit McDonalds und Polizeistation, Rummelplatz und Kneipen. Es ist ein zugeschraubtes Kleinbiotop der immer gleichen Leute, die sich auf die Nerven gehen, miteinander Sex haben oder auch nicht, einander zutexten, ohne einander etwas zu sagen oder je einmal zuzuhören, und Gewalt ist überall, in jeder Form. Horror der vulgären Art. Ein ganzes Marmeladenglas voll. Genau so banal. Genauso ultrahocherhitzt, stets kurz vor der Explosion. Angeheizt durch das alleinseligmachende Speed, Droge im Hirn und sonst nichts mehr.
Surreal geht es zu und doch ganz realistisch. Da ich beruflich schon mit Drogensüchtigen zu tun hatte: Wow, Dorota Maslowska, das ist sehr genau getroffen! Diesen redseligen Slang kenne ich gut. Dieses Marmeladenglas des Lebens in einer Parallelwelt. Viel Pseudo und Flunkerei, viel Selbst-Täuschung und Fremd-Schwindel. Und das finde ich schlicht genial, wie die junge Autorin genau diese Sprachwelt durchhält bis zum bitteren Ende (wobei der Anfang schon bitter ist). Und wie sie in dieser Sprache schnell, farbig und verkommen eine Geschichte erzählen kann.
Wunderbar auch, wie die Autorin mit dieser Phantastenwelt spielt, wenn sie selbst ironisch als "Tippse" Maslowska auftritt, die das Leben des Protagonisten für die Polizei protokolliert. Und wenn der zu ihr sagt: "Okay, okay, ich verstehe alles. Es gibt mich nicht, es gibt dich nicht, es gibt uns nicht, so viel steht mal fest."
Wunderbar zuletzt auch der Perspektivwechsel. Wenn etwa die Romanfiguren die Verkäuferin bei McDonalds bedrohen oder den Familienvater auf dem Rummelplatz. Streng wird die in sich logische Perspektive der Täter eingehalten, ohne moralische Botschaft, sondern einfach so erzählt und zutiefst plausibel (das macht den Roman für mich fast zur Pflichtlektüre für Sozialarbeiter, Polizisten, Lehrer in Brennpunktschulen, Jugendrichter usw.).
Zwei Hindernisse gab es für mich beim Lesen. Erstens die Eingewöhnung in die vulgäre und chaotische Sprache, zweitens das Gefühl der Langeweile an manchen Stellen des Romans, wenn das Marmeladenglas der Erzählung immer wieder die gleichen Versatzstücke lieferte. Aber nach der Gewöhnung an die Sprache und nach dem Eintauchen in die immer gleichen Muster hatte ich den Genuss eines ungewöhnlichen und stimmigen Romans mit seiner eigenen Welt, die ich nicht teile, und die doch mitten unter uns existiert. Für mich ein außergewöhnliches literarisches Ereignis aus unserm Nachbarland Polen.
P.S. Wer mit vulgärer Sprache und amoralischen Inhalten nicht umgehen kann, muss sich den Roman wirklich nicht antun.
P.P.S. Ich würde den Roman nicht überinterpretieren und zu viel darin suchen an Gesellschaftskritik und Analyse polnischer neukapitalistischer Wirklichkeit. Das geht an ihm vorbei. Er ist nur ein Marmeladenglas. Aber ein geniales.