In diversen Kritiken wird Jan Christophersen mit Siegfried Lenz und Theodor Storm verglichen. Das mag recht pompös und übertrieben klingen - dieser Vergleich drängt sich aber tatsächlich unweigerlich beim Lesen von "Schneetage" auf.
Im Mittelpunkt des Romans steht Paul Tamm, der gemeinsam mit seiner Familie eine Gaststätte in einem kleinen Kaff direkt an der dänischen Grenze betreibt. Dessen große Leidenschaft ist die Suche nach Überresten aus der sagenumwobenen Stadt Rungholt, die 1362 bei einer großen Sturmflut vor der nordfriesischen Küste im Meer versank. Bei dieser Suche ist stets sein Ziehsohn Jannis, der auch der Ich-Erzähler des Romans ist, mit von der Partie.
Der Roman ist geschickt eingeteilt in eine Rahmenhandlung, die rund um den Jahreswechsel 1978/79 während in ganz Norddeutschland eine Schneekatastrophe wütet, spielt und eine dreiteilige Rückblende, die ungefähr den Zeitraum von 1948 bis 1956 erfasst.
Die Rückblende beginnt mit der Rückkehr von Paul Tamm nach dem Krieg aus britischer Kriegsgefangenschaft. Gemeinsam mit seiner Frau baut er den Gasthof seiner Schwiegereltern wieder auf. Sie sind zwar immer knapp bei Kasse und leben von der Hand in den Mund, aber Paul hat die Vision einer gut gehenden Pension, die für Touristen aus ganz Deutschland attraktiv sein soll. Nach und nach verliert er aber das Interesse an dem Gasthof und widmet sich verstärkt seinen Untersuchungen hinsichtlich der Überreste der versunkenen Stadt Rungholt, die er versucht, im Wattenmeer zu finden. Gleichzeitig entfremdet er sich immer mehr von seiner Familie - seine Frau ist bei der Bewirtschaftung des Gasthofs weitestgehend auf sich allein gestellt, und auch seine beiden Kinder Nils und Nane können nicht wirklich nachvollziehen, was ihren Vater so treibt, dass er das wenige Geld, das sie haben, in teure Ausrüstungsgegenstände für seine Expeditionen und Untersuchungen steckt.
Allein sein Ziehsohn Jannis, dessen Mutter im Krieg verstarb und der als Kleinkind von Paul in dessen Familie aufgenommen wurde, ist sein Verbündeter, dem er sich mitteilt und der verstehen kann, was Rungholt für Paul bedeutet.
Die Rahmenhandlung beschreibt das Ende von Pauls Forschungen über Rungholt und auch eine wichtige Entscheidung, die Jannis bezüglich der Klärung seiner eigenen Herkunft trifft.
An "Schneetage" begeistert mich vor allem die Erzählweise: Christophersen gelingt es auf sehr eindrucksvolle Art und Weise, Situationen darzustellen und Stimmungen zu schildern. Vor allem die Beschreibungen des Wattenmeers mit seinen Gezeiten, der Halligen, der Natur und nicht zuletzt der wortkargen Menschen und den Konflikten zwischen Deutschen und Dänen sind ungemein plastisch und real. Beim Lesen konnte ich förmlich das Kreischen der Möwen hören, die feuchte Meeresluft riechen und den schlickigen Wattboden unter meinen nackten Füßen fühlen.
Darüber hinaus vermag es der Autor aber auch, eine durchaus spannende Geschichte zu erzählen. Durch den steten Wechsel zwischen Rückblenden und Rahmenhandlung wird gekonnt ein Spannungsbogen erzeugt, durch den beim Leser die Neugier geweckt wird zu erfahren, wohin die Forschungen und Entdeckungen von Paul noch führen werden und auch die Klärung von Jannis' Schicksal bzw. dessen Herkunft rückt immer mehr in den Vordergrund.
Leider kann das Ende des Romans nicht mit dem hohen Niveau der übrigen Geschichte mithalten. Hier hätte ich irgendwie mehr erwartet - eine klare Auflösung bleibt aber aus, irgendwie versandet alles ein wenig und vieles bleibt offen.
Aber dennoch: Lieber Jan Christophersen, bitte schreiben Sie bald einen neuen Roman, ich möchte gerne noch mehr von Ihnen lesen!
Schneetage