Ist es dunkel, so tut es gut, wenn es wieder heller wird, man kann seine Umwelt wieder wahrnehmen. Doch zu viel Licht erzeugt genau das Gegenteil: es macht blind. Die Krankheit, die Schädigung der Hornhaut durch zu viel Strahlung, wird als Schneeblindheit bezeichnet. Sie bekommt feine Risse, die Augen tränen, sind extrem lichtempfindlich und schmerzen.
Mit Licht verbindet der Mensch außerdem von jeher das Gute und Schöne. Es war schon immer ein Symbol von Transzendenz, Reinheit und Erkenntnis und so bezieht sich der Titel Schneeblind nicht nur auf den rein medizinischen Aspekt. Der Roman von Andreas Keck befasst sich in einer fesselnden Geschichte mit den Auswirkungen des "Lichts der Erkenntnis" und der Erleuchtung.
Matthias ist ein Schnösel, einer, der immer alles von seinen Eltern bekommen hat; er ist arrogant und engstirnig. Also nicht gerade ein durch und durch sympathischer Protagonist. Er hat gerade sein Studium abgebrochen und ist wieder zu seinen Eltern gezogen. Und eigentlich wäre das ja auch alles in Ordnung wenn er nur nicht immer wieder scheinbar grundlos weinend zusammenbrechen würde. Durch einen Trick lockt ihn sein Vater in die Psychiatrische Klinik, damit die Ursache gefunden und er geheilt wird.
Wir sehen den recht seltsamen Klinikalltag in der Geschlossenen durch Matthias analytische Augen. Er empfindet sich als stillen Beobachter, fast schon als Fremdkörper, aber nicht als Menschen, der Hilfe benötigt. Denn selbstverliebt wie er ist, weiß er, dass er eigentlich gar nicht hierher gehört. Der einzige, der unter all den kranken Psychos noch normal ist, ist er selbst. Und Anna, eine Mitpatientin, scheint auch normal zu sein. So bahnt sich langsam eine zarte Liebesgeschichte zwischen den beiden an. Sie überschreiten Grenzen, die der Klinikpforte und ihre eigenen, und so wächst in Matthias langsam eine Erkenntnis.
Sprachlich ausgefeilt nimmt uns Matthias mit in seine Gedankenwelt. Geradezu stolz präsentiert er uns seinen überaus wachen, hellen Verstand und gewinnt durch seinen feinen Humor und seine Phantasie schließlich auch den Leser für sich.
Andreas Kecks Debütroman Schneeblind hat Größe; was gewiss nicht an seinem recht unheldenhaften Protagonisten liegt, der hier 'das Licht der Welt' erblickt. Dem Münchner Autor geht es um Selbsterkenntnis, das Verleugnen der eigenen Existenz, um Entwicklung und Stagnation. Diese großen Themen verpackt Keck, der in Philosophie promoviert hat, in eine zarte, lebendige Geschichte, die mit einem großartigen Ende aufwarten kann.