Kedrim Alakrusoglu, im Buch „Ka"genannt, ist ein launischer, unglücklicher, aber halbwegs aufrechter Mensch in den Vierzigern, der sein Leben lang versucht hat, im Rahmen des europäisch definierten Individualismus glücklich zu werden. Nachdem er zwölf Jahre lang als politischer Asylant in Deutschland gelebt hat, verschlägt es ihn für eine Istanbuler Zeitung in die osttürkische Provinzstadt Kars, einem Ort an der Grenze der Zeiten und Kulturen, in dem Regionalwahlen bevorstehen und eine Reihe rätselhafter Selbstmorde junger Frauen für Aufsehen sorgt. Es ist Winter, und als Ka in Kars mit dem Zug eintrifft, empfängt ihn ein schier endloser Schneefall, der bis zum Ende des Buches nicht mehr aufhören soll. Aber es schneit nicht nur in Kars - es gärt auch in der Stadt: revolutionäre Kurden, islamitische Gruppen, Koranschüler, kemalistische Traditionalisten und der türkische Geheimdienst stehen sich unversöhnlich gegenüber und planen die gegenseitige Vernichtung. Jüngster Stein des Anstoßes ist der Kampf der „Turbanmaedchen", die sich einer eindeutigen Sure des Koran folgend ( 31. Vers der Sure „Das Licht") weigern, der vom Staat angeordneten Entschleierung auf der Universität Folge zu leisten. Von der extrem intoleranten kemalistischen Obrigkeit in die Enge getrieben, bringt sich die junge Studentin Teslime schließlich um ( S. 143), was den Mord an einem ihrer Lehrer durch einen islamitischen Aktivisten zur Folge hat. Ka, der bei der Ermordung des Lehrers im Teehaus zufällig anwesend war, gerät in den schnell in den Bannkreis der islamitischen Persönlichkeiten von Kars. Muktar, Kas ehemaliger linker Gesinnungsgenosse, der sich zum Politiker der islamitischen Wohlfahrtspartei gewandelt hat, der gütige Scheid Saadettin, dem Ka, zutiefst ungleucklich, die Hände küsst , die leicht durchgeknallten Koranschüler Necip und Facil und vor allem der Fundamentalist Laspislazuli wirken bei all ihrer intoleranten Bigotterie neben dem schmierigen Stadtjournalisten Serhan Bey, dem Garnisisonskommandeur oder dem affektierten Schauspieler und Moechtegern-Attatuerk-Darsteller Sunyar als vertrauenswürdige und ehrenwerte Persönlichkeiten, auch wenn sie mit dem Glauben und der Religion keinen Spaß verstehen Zwischen allen Stühlen befindet sich der hoffnungslos gutmütige und ewiggestrige liberal- antiislamistische und liberal- antikemalistische Hotelbesitzer Tugrul Bey mit seinen beiden Töchtern, der wunderschönen Ispek, in die sich Ka unsterblich verliebt und der strengen Kadife, der Geliebten des Fundamentalisten Lapislazuli. In dieser überhitzten Atmosphäre, durch den Schnee von der Außenwelt abgeschnitten, führt Sunyars Wanderbühne im Theater von Kars das groteske kemalistisches Propagendastueck „Vaterland oder Schleier"auf ( S. 173-195), dessen Pointe die Entschleierung einer Frau ist, die dadurch zu sich selbst finden soll, ein Plot, der die anwesenden Koranschüler bis aufs Ausserste reizt. Als die Frau im Stück in grober Manier den Schleier lüftet und die Koranschüler Anstalten treffen die Bühne zu stürmen, schlägt die Armee völlig überraschend nach einem vorher ausgekuegelten Plan zu: Soldaten kommen während des Tumultes auf die Bühne, feuern in die Menge, verhaften, foltern und ermorden Aktivisten, und der Schauspieler Sunyar errichtet zusammen mit dem kemalistischen Provinzgeneral ein Revolutionsregiment in der abgeschnittenen Stadt. Gegen diesen Staatsstreich wollen die oppositionellen Gruppen - Islamisten, Kurden, Sozialisten, Liberale durch eine Proklamation in der Frankfurter Rundschau protestieren, ein halb grotesker, halb tragischer Plan, dessen Diskussion zwischen den Exponenten der einzelnen Gruppen zu einer Art orientalischem Weltgespräch mit sich selbst und mit Europa wird. (323/340). Aber auch der Geheimdienst ist nicht derweil nicht untätig: Lapislazuli wird verhaftet und mit diesem Unterpfand soll Kadife, die geistige Führerin der Turbanmädchen, gezwungen werden, sich in einem neuen von Sunyar bearbeiteten Theaterstück öffentlich als Zeichen ihrer Einsicht zu enthüllen. In diesem, zugegeben etwas unwahrscheinlich daherkommenden Plot, an dessen Ende Sunyar von Kadife vor laufender Kamera erschossen wird, spielt Ka den Vermittler zwischen allen Stühlen, wobei er eine geradezu jaemmelriche Figur abgibt und am Ende alles verliert: Ispek, die ihm nicht nach Frankfurt folgt, und sein Leben, weil ihm die Islamisten die dann doch vollzogene Ermoderung Lapislazulis anlasten. Soweit die Handlung, die auf einer Gesamtlänge von immerhin 500 Seiten an keiner Stelle langweilig wird. Was aber ist die Moral von der Geschichte? Ist es die Warnung vor der trügerischen Kraft des Islamismus, der offenbar in der Lage ist, den Ärmsten der Armen ihre Würde wiederzugeben ( 112)? ist es ein Portrait der modernen Türkei zwischen Kemalisten und Islamisten ( 243), ist es eine Beschreibung schonungslose Beschreibung des komplexen Verhältnisses zwischen der Türkei und Europa (323ff.)?, ein Gleichnis über die Liebe als Surrogatform der Religion (345), eine Anhandlung über die Melancholie und die Rückständigkeit der Türkei ( 444) oder eine Paraphrase der Verschlungenheit von Realität und Dichtung, wie sie anhand der 19 fiktiven Gedichte von Ka deutlich wird? Ist es eine Anklage gegen den brutalen tuerkischen Polizeiapparat und die rabiate Natur des türkischen Staates, der auf jeder Seite des Buches wie ein Leviathan auftritt, vor dem selbst hartgesottene Islamisten in die Hosen machen? Oder geht es um das gott-lose, einsame und liebebeduerfige westliche Individuum und seine tuerkischen Klone, die allesamt zu schwach zur Liebe und zu schwach zum Glauben sind? Es geht um alle diese Themen gleichzeitig, vor allem aber um den dramatischsten Bruchlinienkonflikt der Gegenwart, der diese und die folgenden Generationen beschaeftigen wird und der in diesem Meisterwerk eine nobelpreisverdächtige Form gefunden hat. Und übrigens: Jeder der dieses Buch gelesen hat, wird schnell verstehen können, warum es sowohl einen nationalistisch gesinnten Türken, einen Islamisten und einen liberalen Gutmenschen fassungslos machen kann - es ist dann die Fassungslosigkeit vor dem jeweils eigenen Spiegelbild, das man so noch niemals gesehen hat.