Es gibt Rätsel, die der gemeine Menschenverstand nicht lösen kann. Eins davon ist zum Beispiel die Frage, wie das Weltall zugleich unendlich und doch begrenzt sein kann. Ein anderes ist die Tatsache, dass Orhan Pamuk im Jahr 2006 den Nobelpreis bekam. Doch, ich kann es beweisen: auf meinem Exemplar von "Schnee" klebt eine leuchtendrote Plakette mit der Aufschrift "Nobelpreis für Literatur 2006".
Kann das sein? fragt man sich, wenn man die ersten 150 Seiten dieses Buches gelesen hat und immer noch nicht warm geworden ist mit ihm? Woran liegt das, das alle anderen diesen Autor zu mögen scheinen, nur du selbst nicht? Liegt das vielleicht an den Figuren, die zwar Namen haben, wie Kadife oder Lapislazuli oder Necip, dass diese Figuren aber seltsam flach bleiben? Man kann ihnen Etiketten auf die Stirn kleben wie "Islamist", "Dichter" oder "Nationalist", "Turbanmädchen" oder "Spitzel", aber das ist es dann auch schon. Selbst Ka, der Dichter, der die Hauptfigur des Buches bildet, bleibt undeutlich. Er spricht zwar sowohl mit den Islamisten wie mit den Nationalisten, die den Putsch im Theater veranstalten, um den Islamisten eins auszuwischen, aber er kann sich nicht entscheiden, ob er nun die Forderungen der Religiösen gut finden soll oder eher die säkulare Richtung. Mal scheint er auf dieser Seite zu stehen, mal auf jener. Seltsam unberührt geht er durch diese Art Bürgerkrieg in einer Stadt, die durch Massen von Schnee von der Außenwelt abgeschlossen ist. Seine Mission ist es, möglichst viele Gedichte zu schreiben und die schöne Ipek, die er aus Studentenzeiten kennt, für sich zu gewinnen.
Weil das nun so ist, wird die Handlung selbst zur Kulisse. Zwar werden in diesem Mikrokosmos die Probleme der heutigen Türkei geschildert; ihre autoritäre Staatsführung, die auch vor Folter nicht zurückschreckt, Zeitungen, die auf Anweisung von oben schreiben, egal ob es sich um die Wahrheit oder um Lügen handelt, die Gewalt, die vom Staat, den Islamisten und der kurdischen PKK ausgeht, aber das alles scheint wegen der Perspektive der Hauptfigur seltsam entrückt und unwirklich. So wird dann selbst einer der Höhepunkte, die Schießerei im Volkstheater merkwürdig distanziert wahrgenommen. "'Wenn die vorderen Reihen diesen blinden Lärm nicht so ernst genommen hätten und ruhig geblieben wären, wäre nichts von dem geschehen, was dann passierte', habe ich Leute sagen hören, und andere erklärten, daß die hohen Beamten und reichen Leute während dieser achtzehn Sekunden voller Hektik aufgestanden sind, ohnehin wussten, was geschehen würde, daß sie deswegen ihre Familien genommen haben und aufgebrochen sind und daß das alles in Ankara geplant worden ist.'" (S. 185) Mit Bandwurmsätzen dieser Art macht man spannende Szenen kaputt und vergrault Leser.
Überhaupt: die Sprache. Die ist so schlicht und manchmal auch holprig, dass man nicht weiß, ob man für sie nun Orhan Pamuk selbst oder seinen Übersetzer dafür verantwortlich machen soll. Nein, einen Preis hat das Buch wahrhaftig nicht verdient. Aber keine Sorge, Freunde, ich bleibe dran. Ich will jetzt wirklich wissen, warum Orhan Pamuk den Nobelpreis für Literatur bekommen hat. Als nächstes werde ich mir "Rot ist sein Name" vornehmen. Mal sehn, ob das die Lorbeeren verdient hat, die es - genau wie "Schnee" von den Rezensenten der großen Zeitungen bekam oder ob das alles eine große Verschwörung gegen die Literatur ist. Vielleicht kann ich das Rätsel ja doch noch einmal lösen.
Demnächst also mehr.