Kurzbeschreibung
Ich bin gerne in meinem Garten. Dort kann ich nach Herzenslust hegen, pflegen, walten und gestalten. Dort kann ich das pflanzliche und tierische Leben beobachten, wie es sich seinen Platz sucht und findet, wie es sich ausdehnt, gedeiht und im Wandel der Jahreszeiten immer wieder verändert. Aus winzigen Samen werden jedes Jahr aufs Neue wie durch ein Wunder große, stattliche Pflanzen. Sie werden zu einem Gaumenschmaus, zu einem Genuß für meine Nase oder zu einer Augenweide. Aus winzigen Larven, Eiern und hilflosen kleinen Tierchen werden größere und überaus aktive Lebewesen. Viele dieser Lebewesen sind ständig damit beschäftigt, meinen Gartenboden zu verbessern und kranke oder tote Pflanzen und Tiere in gesunde Nährstoffe umzuwandeln. Alle wirken zusammen, damit das Leben gesund und kraftvoll bleibt. Alle? Das Leben könnte so wunderbar und friedlich sein, wenn da nicht die Störenfriede wären. Störenfriede wie die Nacktschnecken.
Was sich in der kleinen Anfangsgeschichte aus der Sicht einer Schnecke sehr beschaulich und friedlich darstellt, war für mich zu Beginn meines Gärtnerdaseins der absolute Schrecken. Der Schock und die Enttäuschung über den Verlust meiner ersten liebevoll gehegten Setzlinge saßen mir lange und tief in den Knochen. Für viele Jahre war ich zerrissen zwischen meiner Liebe zur Natur und einer tiefen Abneigung gegen die Nacktschnecken, zwischen dem Bedürfnis nach Frieden und der Notwendigkeit zum Krieg in meinem Garten, zwischen der Hoffnung auf eine einfache Lösung und der Enttäuschung, wenn mein Salat doch wieder zu Tode gefressen war. Als die Schnecken dann auch noch meinen geliebten Thymian kahlgenagt und sich am Salbei ergötzt hatten, die beide eigentlich zu den resistenten Pflanzen zählen sollen, war ich bereit, aufzugeben. Mit dieser Bereitschaft ging aber auch eine Anerkennung für diese Überlebenskraft, Beharrlichkeit und Lebendigkeit einher, die den Schnecken in so besonderem Maße eigen ist. Nach und nach hat sich auf dieser Grundlage mein Gärtnerleben verändert. Denn ich erkannte: Nur wenn ich mich mit einem mächtigen Gegner respektvoll auseinandersetze, habe ich eine Chance, mit ihm in Frieden zu sein. Und Schnecken sind sehr mächtig!
Ich habe angefangen, mit den Schnecken zu reden. Jeder, den ich kenne, redet mit Hunden. Selbst Menschen, die keine Hunde haben, reden mit jedem x-beliebigen fremden Hund, als ob das ganz normal wäre. Und praktisch alle Hundebesitzer fühlen sich von ihren vierbeinigen Freunde besser verstanden als von den meisten ihrer Mitmenschen. Ich kenne aber nur wenige Leute, die mit Schnecken reden, nicht einmal mit ihren eigenen. Ich kenne kaum jemanden außer mir, der sich von seinen Schnecken verstanden fühlt. Und das, obwohl das Zusammenleben zwischen Mensch und Schnecke mindestens so alt ist wie das zwischen Mensch und Hund. Lediglich im Mittelalter gab es ein paar kulinarisch interessierte Mönche, die in ihren Klostergärten mit den damals nicht als Fleisch betrachteten Weinbergschnecken etwas inniger verbunden waren. Vermutlich ließen sie ihnen auch das eine oder andere freundliche Wort zukommen wie: »Wachset ihr kleinen Schleimer, damit wir während der Fastenzeit etwas zu essen haben.« Allerdings ist es bei Hunden verständlich, daß wir Menschen mit ihnen reden. Sie sind groß und schnell, sie können mit den Zähnen fletschen und kräftig zubeißen. Hunde schauen einen direkt an und wedeln mit dem Schwanz, wenn sie sich freuen. Nun fragt man sich natürlich zu Recht: »Warum sollte man sich zum Affen machen und mit Schnecken reden wollen?« Aber wäre es nicht für jeden Gärtner ein Segen, wenn er einfach nur »Pfui!« oder »Aus!« zu rufen bräuchte, sobald sich eine Schnecke über seinen Salat hermachte? Wenn diese dann ein für allemal wüßte, daß Salat tabu ist? Wenn sie es sogar noch allen ihren Freunden weitererzählen würde? Ha! Ha! Ha! denkt sich da wohl mancher Leser, da er weiß, daß das normalerweise noch nicht einmal bei Hunden oder gar bei unseren lieben Mitmenschen klappt.
Ich war so frei und habs ausprobiert. Aus meinem Garten wurde quasi eine »Hundeschule« für Schnecken. Das Benimm-Training für die lieben Kleinen fand abends in der Dämmerung für die Dauer von etwa zwanzig bis dreißig Minuten statt. Und das Wunder geschah: Nach einigen Wochen konnte ich mich gemütlich zurücklehnen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Und das jetzt schon seit mehreren Jahren. Überall in und um meinen Garten wimmelt es des Nachts von Schnecken. Sie tummeln sich im Komposthaufen, im Wildstaudengebiet, im Rasen, beim Nachbarn, nur nicht in meinen mir teuren Blumen-, Kräuter- oder Gemüsebeeten. Inzwischen komme ich mit allen Schneckenarten in meinem Garten recht gut aus. Die üblichen Bekämpfungs- und Schutzmöglichkeiten sind mir aus eigener Erfahrung zwar bestens bekannt, ich verschwende damit jedoch keine Energie mehr. Allenfalls helfe ich den Schnecken, nicht zu sehr in Versuchung zu geraten. Das Wissen um die Besonderheiten dieser Lebewesen, das Interesse an ihnen, wohl noch mehr aber der Respekt und die Zuneigung erlauben mir bisweilen, mich in die Schnecken geradezu hineinzufühlen. Dieses Buch soll eine Hilfe sein für all diejenigen, die Frieden in ihrem Garten und in ihrem Leben wünschen, die des Kämpfens um ihren Salat müde sind und für die in aller Regel völlig sinnlose Schneckenbekämpfung kein Geld mehr ausgeben wollen. In fünf einfachen und verständlichen Schritten kann jede Gärtnerin und jeder Gärtner erfahren und selbst erproben, wie man mit den Schnecken klar und wirkungsvoll Vereinbarungen treffen kann.
Der Autor über sein Buch
Für mich bietet der etwa dreitausend Quadratmeter große Garten des »Achillea Freiburger Heilpflanzengarten e. V.« neue schneckische Herausforderungen. Wegen der vielen Schattenplätze, der großen Feuchtgebieten und unberührter Wildkräuterzonen tummeln sich dort selbst tagsüber wahre Horden munterer und lebenslustiger Nacktschnecken. Ihnen scheinen Heilpflanzen ebenso zu bekommen wie mir. Eine gute Gelegenheit also, mein Verhandlungsgeschick mit den Tausenden von hungrigen Kräuter-Schnecken erneut auf die Probe zu stellen.
Klappentext
Über den Autor
Als Jahrgang 1955 schrammte Hans-Peter Posavac knapp an den 68-ern vorbei und landete mitten in der Aussteigergeneration, die den Sinn ihres Lebens in östlicher Meditation und spirituellen Gemeinschaften suchte. Mit einem reichen Schatz an Selbsterkenntnis sowie zahlreichen Ausbildungen und Erfahrungen in Körperarbeit, als Meditationslehrer und als Heiler führte ihn sein Weg Jahre später zurück in die bürgerliche Gesellschaft. Die Erforschung seiner inneren Welten und sein Ingenieurstudium erwiesen sich dort schnell als fruchtbare Verbindung und führten ihn über eine Karriere als Sicherheitsingenieur bis zum Generalmanager in einem mittelständischen Software-Unternehmen direkt in die berufliche Selbständigkeit. Seine Liebe zur Natur und seine Freude an der Stille fanden ihren Ausdruck in der Imkerei und bei der Arbeit im Garten. Heute hat er ein eigenes Ingenieurbüro, schreibt Bücher und Kurzgeschichten und engagiert sich aktiv beim Aufbau eines Heilpflanzengartens in Freiburg.
Auszug aus Schneckenflüstern statt Schneckenkorn von Hans-Peter Posavac. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
»Aaahhhrrrggg!!!« Meine Augen stolpern entsetzt durch das Frühbeet und bleiben an blaßgrünen Pflanzenruinen hängen. Denn Salat kann man diese Überbleibsel meines gestrigen Stolzes wohl kaum noch nennen. Ich schlucke den wachsenden Kloß in meinem Hals hinunter und beginne mit der Spurensicherung. Denn Spuren haben die Zerstörer massenhaft hinterlassen. In zähen Schleimfäden hängen Tautropfen glitzernd in der Morgensonne. Bezaubernd schön könnte dieser Anblick sein, wären da nicht die kahlen Blattgerippe, von denen aus sich die Fäden zu Boden spannen. Schneckenschleim und Wolkenbruch! So früh habe ich nicht mit ihnen gerechnet. Habe mich zu sicher gewähnt. Ich weiß natürlich, daß sich Schnecken tagsüber gerne verkriechen und habe extra einige Bretter zwischen den Beeten ausgelegt, um künstliche Unterschlupfmöglichkeiten für die Schnecken zu schaffen. Ich drehe ein Brett am Rande des Frühbeetes um und werde tatsächlich fündig. Drei kleine Nacktschnecken haben sich an der Unterseite festgeklebt und schlafen friedlich. Richtig unschuldig sehen sie aus. Aber das kann mich nicht täuschen. Ohne nachzudenken oder zu zögern, greife ich zur Gartenschere. Selbstjustiz ist angesagt. Ratsch! Und Ratsch! Und nochmals Ratsch!
Nun doch etwas schuldbewußt, aber auch mit gerechtfertigtem Trotz im Blick schaue ich mich nach erfolgreicher Vergeltungsaktion um. Mein Blick schweift dabei auch ängstlich besorgt über die paar Salatpflänzchen, die das nächtliche Treiben überstanden haben. Irgendwo versteckt lauern bestimmt noch mehr Schnecken, gut verborgen, unauffindbar, bereit für weitere Schandtaten. Die jungen Pflanzen sind hier nicht mehr sicher. Und das Jahr hat gerade erst begonnen. Wie soll einem das Gärtnern da noch Spaß machen. Wut, Schuldgefühle und Sorge weichen nun wachsender Frustration und Unsicherheit. Dabei wird mir immer mehr bewußt, wie wenig ich tatsächlich über Schnecken weiß. Was sie mögen, was sie nicht leiden können. Was sie brauchen, wem sie nützen. Ich brauche dringend Rat und Hilfe. Entschlossen steige ich in mein Auto und fahre in die Stadt, gehe zu dem Buchladen, in dem ich so gerne stöbere. In der Gartenabteilung fällt mir dieses Buch in die Hände, und ich beginne darin zu blättern. Bereits die Einleitung weckt mein Interesse und jetzt bin ich mir sicher, daß ich dieses Buch unbedingt haben muß. Etwas beruhigt und doch auch gespannt fahre ich nach Hause zurück. Glücklicherweise sind die restlichen Pflänzchen noch wohlauf! Ich besorge mir einen bequemen Gartenstuhl und setze mich wachsam neben dem Beet in die Frühlingssonne, hole das Buch hervor und beginne zu lesen.
Es ist nicht nur der Respekt und die Liebe zur Natur, die beim Umgang mit Schnecken eine Änderung dringend nahelegen. Es ist vor allem auch ein Zeichen von Intelligenz, neue und bessere Lösungen zu suchen, wenn es immer klarer wird, daß die bisherigen Maßnahmen versagt haben. Denn trotz der jahrzehntlangen massiven und weltweiten Vernichtungskampagne gedeihen gerade die Nacktschneckenpopulationen besser denn je. Dafür gibt es Gründe, und deshalb brauchen wir neue Lösungen.
Für all diejenigen, die noch nicht sämtliche Methoden der Schneckenbekämpfung selbst ausprobiert haben, fasse ich hier zunächst einige Erfahrungen zu den gebräuchlichsten Strategien zusammen:
Massakrierung Schnecken zerschneiden
Schnecken mit der Gartenschere zu zerschneiden ist eine effektive und schnelle Methode. Ich habe sie selbst lange Zeit praktiziert. Zum einen befriedigt dies den gelegentlichen Rachedurst, zum anderen erscheint es auf den ersten Blick dauerhaft und endgültig. Ich habe mich auch eher gefreut als gewundert, als die Schneckenleichen anderntags oft spurlos verschwunden waren. Daß meine Pflanzen weiterhin angefressen waren, hat meinen Schneidetrieb eher bestärkt. Eines Abends konnte ich dann beobachten, daß die Schnecken mit offensichtlich großem Appetit ihre toten Artgenossen verspeisten. Dafür kamen sie wohl sogar von weither, was meine Nachbarn sicher glücklich machte. Leider sind die zugewanderten Schnecken nicht wieder nach Hause zurückgekrochen, sondern fanden meinen Garten wohnenswert und meine Pflanzen lecker.
Verlockung die Bierfalle
Die Bierfalle muß eine bayerische Idee sein, denn sie hat viel Ähnlichkeit mit einem Biergarten. Zwar lockt auch eine Bierfalle unzählige Schnecken an, jedoch habe ich festgestellt, daß die Tiere vernünftiger sind als wir Menschen und nur ein geringer Anteil der angelockten Schnecken sich im Bier ertränkt. Die meisten machen sich, angeregt durch die Bierdünste und mit grandiosem Biergarten-Apetit lieber über die umliegenden Pflanzen her. Einzig die Nachbargärtner mögen vielleicht den Vorteil haben, daß ihre Schnecken Richtung Biergarten abwandern.