Das ist ein Krimi, der alles hat, was man sucht: spannend erzählt von der ersten bis zur letzten Seite, gut geschrieben, eine sympathische Kommissarin namens Coco Conradt, klug und sexy, einen scheußlichen Mord, genug Verdächtige, welche die Ermittlungen in interessante Richtungen lenken: in die großen Auto-und Computerfirmen, ein psychiatrisches Landeskrankenhaus, den Alltag der Militärspionage, zu Stuttgarter Spießbürgern und Reitvereinscliquen, ins Bethesda in Kreuzberg und zu den SM-Freaks und Exhibitionisten in der (inzwischen geschlossenen) Berliner Glasfabrik. Feuerbach hat die Gabe, diese Milieus in knappen Schilderungen lebendig werden zu lassen. Und dabei die Spannungsfäden so zu spielen, dass das Ziel der Ermittlungen immer vermeintlich gleich um die nächste Ecke zu packen ist.
Erst hinterher kommt man auf den Trichter: Das Buch hat eine zweite Ebene. Hoffentlich verrate ich damit nicht zu viel. Aber Sätze von dieser philosophischen Wucht liest man nicht in jedem Krimi: "Entweder Sie können und wollen verzeihen. Oder Sie müssen die Tat rächen. Verzeihen, das hieße in diesem Fall, dass Sie etwas Absolutes opfern. Aber das setzt voraus, dass Sie die Verantwortung dafür in eine größere Hand zurücklegen können. Wenn Sie das nicht können, ist das Verzeihen im landläufigen Sinn nur eine nachträgliche Kumpanei mit dem Täter, die das Opfer noch einmal verrät und dem Täter letztlich Recht gibt. - Er konnte verzeihen. Ich kann das nicht. Ich habe nicht die Anmaßung aufgebracht, ich, Ernst Schlatter, könnte und dürfte das Monströse, das sie mit meiner Tochter gemacht haben, wieder aus der Welt hinausdefinieren. - Und es allein dem zu überlassen, der verzeihen könnte, dazu hat mein Glauben nicht gereicht. So habe ich mich entschlossen, das Böse mit Bösem heimzuzahlen."
Der so spricht, heißt Schlatter. Aha! Schlatter war im letzten Jahrhundert ein bekannter Theologieprofessor in Tübingen. Einer seiner Nachfolger hieß Ernst Käsemann, und dessen Tochter Elisabeth wurde von der Militärjunta in Argentinien im Lager El Vesubio gefoltert und am 24.5.1977 bestialisch ermordet; seit letztem Jahr läuft der Prozess gegen die Mörder.
Für mich ist das ein spannendes Experiment: Wie, wenn ein Käsemann anders gehandelt hätte?