Pressestimmen
So perfekt italienisch! Langsam neigt sich die Ära Silvio Berlusconi dem Ende zu. Er muss sich wegen Amtsmissbrauchs und bezahlten Sex mit einer Minderjährigen vor einem Mailänder Gericht verantworten. Selbst wenn er diesen Prozess politisch überstehen sollte, sein Stern sinkt. Berlusconi ist alt geworden. Bleibt die Frage: Warum konnte dieser Mann 17 Jahre lang die italienische Politik dominieren? Der römische Romancier und Richter Giancarlo De Cataldo, 55, gibt in seinem neuen Thriller "Schmutzige Hände" zwei Antworten. Die eine ist einfach, er legt sie einem karrieristischen Fernsehjournalisten in den Mund: "Er ist so perfekt italienisch!" Die andere ist komplizierter, sie umfasst das ganze Buch. Es beginnt Anfang der Neunziger, gerade fegt die Aktion "mani pulite" ("Saubere Hände") die Nachkriegsordnung hinweg, Staatsanwälte haben Dutzende Politiker und Industrielle verhaften lassen, die Pfründen der Mächtigen sind in Gefahr. Der Roman "Schmutzige Hände" beschreibt, wie eine Gegenrevolution aus Mafia, Politik, Geheimdienst, katholischer Kirche und Unternehmern ihre Interessen neu auszubalancieren versucht. Es gelingt, Berlusconi wird zum ersten Mal Ministerpräsident. Im Buch selbst ist er aber nur Randfigur. Wie der brillante Vorgängerroman "Romanzo Criminale", der das Italien der Siebziger und Achtziger beschreibt, spielt "Schmutzige Hände" im Milieu der Informationssammler und Strippenzieher, Killer und Geheimdienstler, Drogenhändler und Bauunternehmer - eine wunderbar verkommene Männerwelt, die von dem beherrscht wird, der am meisten über die anderen weiß. Männer sind in "Schmutzige Hände" kalte Machtwesen im großen Kampf, jeder gegen jeden. Natürlich hat trotzdem jeder eine Schwäche, meist ist sie sexueller Natur. Dass Silvio Berlusconi am Ende seiner Karriere nun ausgerechnet über solche Eskapaden zu fallen droht, ist eine Extra-Pointe dieses mitreißenden Buchs. --Der Spiegel, April 18, 2011
De Cataldo hat seine Geschichte Anfang der Neunzigerjahre angesiedelt, auf dem Höhepunkt der Turbulenzen um die "Mani pulite", die Sauberen Hände, jenem dramatischen und opferreichen Kehraus des tiefkorrupten politischen Nachkriegssystems Italiens. Das jahrzehntelange Gegen und Nehmen, die Verstrickungen zwischen der Mafia und den politischen Parteien, insbesondere der Democrazia Cristiana und der Sozialistischen Partei, wurde ans Licht gezerrt; Autoritäten wie Bettino Craxi vom Sockel gestürzt. Der Zusammenbruch der alten Ordnung hinterließ ein Trümmerfeld, das den Aufstieg Silvio Berlusconis ermöglichte. De Cataldos Stoff ist also keineswegs inaktuell, da er die Vorgeschichte des auch nach unzähligen Skandalen immer noch herrschenden Systems erzählt - auch wenn der Eintritt des unwiderstehlich-schmierigen und gewieften Medienunternehmers in die Politik im Roman noch als Gerücht behandelt wird. [...] Es ist eine Welt der Marionetten und Strohpuppen, bei denen skrupellose Männern an Fäden ziehen und selbst nicht merken, dass sie nur Figuren in einem bösen Spiel sind. Von den Frauen ganz zu schweigen, deren Schönheit und Attraktivität immer nur punktuell, dann freilich umso sogkräftiger wirkt. So stark sie auch auftreten, im Grunde sind sie stets Instrumente männlicher Rivalenkämpfe. De Cataldo ist ein Meister in der Beschreibung dieser Mechanik der Macht, deren reibungsloses Funktionieren eine innere Leere voraussetzt. --Die Welt, April 30, 2011
Kurzbeschreibung
ITALIEN 1992: BOMBEN UND GUTE GESCHÄFTE - DAS ORGANISIERTE VERBRECHEN GREIFT NACH DER MACHT. In Rom, Florenz und Palermo explodieren Bomben, die Richter Falcone und Borsellino fallen grausamen Attentaten zum Opfer. Die Mafia agiert skrupelloser denn je, entschlossen, die Regierung zu einem neuen Pakt zu zwingen. Kommissar Scialoja ist müde und zynisch geworden. Er verwaltet das Erbe Vecchios, der fleischgewordenen Grauzone des Staates. Er verhandelt mit der Mafia, um dem Terror ein Ende zu bereiten und dem Staat zu einem wenn auch prekären Gleichgewicht zu verhelfen. Seine Geliebte, die ehemalige Edelnutte Patrizia, gängelt ihn im Auftrag ihres Mannes, des Gladioveterans Stalin Rossetti. Dieser will mithilfe der neuen Generation der sizilianischen Mafia das Machtvakuum zu seinem Vorteil besetzen. Ihre Schicksale kreuzen sich mit alten Unternehmerdynastien, deren Tage gezählt sind, mit wendigen Glücksrittern, Geheimlogen und skrupellosen Profiteuren von Siziliens Gnaden: Italien soll nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenbruch des traditionellen politischen Systems in neue Hände gelegt werden. De Cataldo gelingt es meisterhaft, wie schon in seinem Bestseller "Romanzo Criminale", mit seinen Charakteren den Unterschied zwischen dem"alten"und dem"neuen"Italien sichtbar machen.