Schmidt is back! Albert "Schmidtie" Schmidt ist Louis Begley so ans Herz gewachsen, dass er ihn noch einmal zum Mittelpunkt eines Romans macht -- diesmal in
Schmidts Bewährung. Dabei gab es bereits im ersten Teil, der lakonisch einfach
Schmidt hieß, genug Anlass für den New Yorker Anwalt sich zu bewähren. Innerhalb kurzer Zeit war sein Leben zusammengeschnurrt wie ein Luftballon, aus dem langsam die Luft entweicht: Seine Partner in der Kanzlei drängen ihn zur Frühpensionierung, dann wird er unerwartet Witwer und verkracht sich auch noch mit seiner Tochter, weil diese einen Mann heiraten will, der überhaupt nicht nach seinem Geschmack ist.
Vor der Einsamkeit des Alters bewahrt ihn einzig die junge Puertoricanerin Carrie, an die er sein altes Herz leidenschaftlich verliert. Zu Beginn von Schmidts Bewährung wohnt Carrie schon einige Zeit bei ihm und versüßt seine Tage und Nächte. Die Frage ist natürlich, wie lange das gut gehen kann mit einer Geliebten, die jünger ist als seine Tochter. Außerdem gibt es da einen seltsamen Multimillionär, der sich auffällig intensiv um Schmidts Freundschaft bemüht und dessen wahre Absichten lange im Dunkeln bleiben.
Louis Begley, der erst mit 56 seinen ersten Roman veröffentlichte (Lügen in Zeiten des Krieges) und schlagartig großen Erfolg hatte, gelang mit Schmidt ein sehr vielschichtiger Charakter, den man so schnell nicht vergisst -- auch wenn man nie so ganz sicher ist, ob man ihn wirklich mögen soll. Ähnliches gilt für das auch nicht sorgenfreie Leben der Reichen auf Long Island, das Begley mit spitzer Feder und großer Kennerschaft skizziert. Dass dieser zwischen "Endlifecrisis" und spätem Glück schwankende Schmidtie ein interessanter Typ ist, hat nun sogar Hollywood entdeckt: Zurzeit wird der erste Teil verfilmt -- in der Titelrolle kein Geringerer als Superstar Jack Nicholson. --Christian Stahl
Der Schein des Glücks
Louis Begley liefert seinen Helden liebevoll ans Messer
Wenn ein Schriftsteller noch einmal auf die Personenkonstellation eines früheren Romans zurückgreift, zeugt dies wo weder Mangel an Ideen und Substanz noch der Versuch, einen Publikumserfolg weiter auszubauen, als Tatmotiv gelten können von einem besonders engen oder komplexen Verhältnis zwischen dem Schöpfer und seinen Figuren. Entsprechend bemisst sich die Erwartung des Lesers: Und ist sie, auf Grund früherer Werke des Autors, nicht unbeträchtlich, wird man diesem sogar eine Art stilles Mitspracherecht bei der Urteilsbildung einräumen.
Wie also wäre «Schmidts Bewährung» zu lesen: Louis Begleys neues Buch, dessen Handlung zwei Jahre nach dem Zeitpunkt einsetzt, an dem wir den Vorgängerroman, kurz «Schmidt» betitelt, mit leisem Befremden über das unvermittelte Happy End aus der Hand gelegt hatten? Ein coup de théâtre hatte damals die sinistre, vergammelte Doppelgängergestalt des peinlich korrekten Titelhelden ins Jenseits bugsiert und diesem damit die von beiden umworbene junge im Verhältnis zum Alter des Protagonisten sehr junge Puerto-Ricanerin Carrie in die Hände gespielt; Schmidts ohnehin schon nicht unansehnliches Vermögen wurde um eine stattliche Erbschaft vermehrt.
Kalkulierte Minuspunkte
Louis Begley hat Schmidt nicht ohne Koketterie «mein widerlicher Held» genannt: Denn de facto fällt es keineswegs schwer, Sympathien für dessen gepflegt gegen den Strich gebürsteten Charakter zu entwickeln. Die Anflüge von Geiz, welche die aisance des frühpensionierten verwitweten Rechtsanwalts überhauchen, haben altmodisch verqueren Charme, seine Reflexionen zur Zeitgenossenschaft gelegentlich zünftigen Biss und seine gequetschten antisemitischen Regungen, von der Hand dieses Autors appliziert, eine seltsam schillernde Qualität. Louis Begley hat in seinem Erstlingsroman, «Lügen in Zeiten des Krieges», mit literarischer Distanz vom eigenen knappen Entkommen aus dem Holocaust erzählt; den Judenhass verharmlosend auf Menschenmass zu stutzen, dürfte sein Anliegen nicht sein. Eher wird er mit diesem Charakterzug seines Protagonisten, der beruflich und sozial in einem dem Schriftsteller wohlvertrauten Milieu verkehrt, dem eigenen Gesellschaftskreis diskret und unbarmherzig den Spiegel vorhalten wollen.
Schmidts Bewusstsein ist der Filter, durch den der Leser die übrigen Figuren wahrnimmt: Und dieses Instrument weist blinde Flecken auf, die zumindest im Zusammenspiel mit der sonstigen scharfen Einstellung irritieren können. Dass die makellose Gestalt und das flackernde Temperament der zwanzigjährigen Carrie den auf emotionaler Sparflamme vegetierenden Witwer unverhofft in einen zweiten Frühling scheuchen, ist plausibel; weniger dagegen die völlige Undurchlässigkeit der Binde, die Amor dem sonst so skrupulös registrierenden Protagonisten umlegt. Beim morgendlichen Warten im Delikatessgeschäft glossiert Schmidt noch zynisch die von Nachtruhe oder Frühsport zerknautschte Hautevolee, die, ohne mit der Wimper zu zucken, für jedes Salatblatt einen Dollar liegen lässt. Bei Carrie hingegen wird er nicht müde, Anmut und angeborenen Takt zu preisen, wo der Leser (oder nur die Leserin?) eine junge Frau wahrnimmt, deren Sprachstil und häufige Armknüffe dem in solchen Dingen empfindlichen Schmidt eigentlich einen Schauder über den Rücken jagen müssten und deren gewandte Finger nicht nur die intimeren Sphären des Liebhabers zu beglücken, sondern auch recht unverzagt nach dem eigenen Vorteil zu greifen wissen.
Hinter der fast panischen Grosszügigkeit, mit der Schmidt Carries Wünsche bedient und ihre Freiräume aussteckt, steht freilich nicht allein seine nur zu berechtigte Angst, sie zu verlieren. Begley entwickelt die Beziehung zudem auf der Folie von Schmidts gründlich verunglückter Beziehung zur eigenen Tochter. Im ersten Band hatte ihre Heirat mit einem karrierebewussten jüdischen Associé des Vaters für allseitige Verstimmung und etliche erlesene Gemeinheiten gesorgt, und der familiäre Kleinkrieg setzt sich bis zum widerwillig angebotenen Waffenstillstand am Ende des Folgewerks fort. Aber obwohl die quecksilbrige puerto-ricanische Circe auf den ersten Blick das schiere Gegenteil der sauertöpfisch feilschenden, mit wattierten Schultern und wadenlangen Röcken antretenden Erbin der Schmidt'schen Vermögenswerte scheint, drängen sich auch Ähnlichkeiten in den Blick: Beide sind vorab beredte Anwältinnen in eigener Sache, die Schmidt in einem wenig erbaulichen Rückzugsgefecht aufs Altenteil scheuchen.
Soll diese skeptische Lesart gelten, wo Schmidt am Ende dafür, dass er Carrie und ihrem neuen Liebhaber ein Geschäft finanziert, sich von der jungen Dame eine weitere Million zum privaten Gebrauch ablausen lässt und dem glücklichen Paar noch Unterschlupf auf seinem Anwesen bietet ein Katerchen als Trostpreis in die Hände gedrückt bekommt? Soll man sich stattdessen vom verdächtig pünktlich gelieferten Glück blenden lassen, das dem Protagonisten aufs Ende der Affäre mit Carrie hin einen neuen Aufgabenkreis erschliesst? Und ist, bei aller Wertschätzung der Tierliebe, die Darstellung seines rundum erfüllten Verhältnisses zu dem neuen vierbeinigen Hausgenossen zum Nennwert zu nehmen?
Lack und Leere
Zumindest wer Begleys frühere Werke kennt, dürfte diese Placebo-Lösung nicht unbedacht schlucken. Spezialität dieses Autors ist es, seine Leser je nach Veranlagung mit einer funkelnd polierten, aber hohl tönenden Textoberfläche zu locken oder zu provozieren: Denn er wolle, sagte er in einem Gespräch und der leise, aber nachdrückliche Ton blieb im Gedächtnis haften , «vielleicht die Hohlheit des Besitzes zeigen, die Hohlheit des Erfolgs und die Hohlheit des Vergnügens». Das Risiko dieser Methode dass nämlich die Leser die Hohlheit im Werk verorten könnten und nicht in der Welt, die es beschreibt ist dem Schriftsteller bewusst: Das scheint nicht zuletzt auch die Figur zu signalisieren, die als verzerrtes Spiegelbild seiner selbst durch den neuen Roman huscht. Wie Louis Begley hat dieser Joe Carrington nach einer erfolgreichen Berufskarriere spät zu schreiben begonnen, mit einem Buch von autobiographischem Charakter Furore gemacht und sich nachher so werden seine Bücher jedenfalls wahrgenommen auf die Basiskonstellation vom «älteren Mann, der ein junges Mädchen vögelt», beschränkt: eine Einschätzung, die Carrington im Roman, kaum hörbar, mit schneidend scharfen Repliken quittiert. Begley leistet sich den Luxus, mit anderen Lesern zu rechnen; mit solchen, die im kunstvoll-künstlich aufgetragenen Firnis des Texts die Angst vor der existenziellen Leere dahinter schillern sehen.
Angela Schader