Von der Quadratur des Kreises, einem klassischen Problem der Geometrie kommen wir heute zur Quadratur der Krise (so der Untertitel von Jochen Schmidts Buch), einem klassischen Problem der interessierten Leserschaft: Wann in meinem Leben werde ich Marcel Prousts 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit' lesen?
Nicht eines der insgesamt sieben Bücher, nein. Alle sieben Teile! Wann nur werde ich je Zeit haben, mir diesen Klassiker der Weltliteratur vorzunehmen? Zeit haben, ihn zu lesen, um dazuzugehören. Zu der Welt derjenigen, die den Gipfel dieser schriftstellerischen Erotik bereits erklommen haben.
Jochen Schmidt gehört jetzt definitiv dazu. Das beweist nicht nur das vorliegende, bei dem Independent Verlag Voland & Quist erschienene Buch. Der Jungverlag, 2004 gegründet, möchte 'Liveliteratur' machen, lesbar, lebbar, hörbar. Und das ist 'Schmidt liest Proust' auf jeden Fall.
Jochen Schmidt nahm sich vor, sechs Monate lang jeden Tag zwanzig Seiten der 'Recherche' (der französische Titel lautet 'À la recherche du temps perdu') zu lesen und über seine Lektüreerfahrungen mit Marcel Proust zu schreiben. Im Jahr 2006 führte Schmidt dazu einen Internetblog. Zwei Jahre später hat er aus dem virtuellen Lektüreblog ein Buch gemacht.
Wie muss man sich ein solches Buch denn überhaupt vorstellen? Wie kann jemand einen Klassiker der Weltliteratur in ein Buch zusammenpressen, ohne ihm nicht mehr gerecht oder eine bloße Paraphrasierung zu werden?
Das gut 607 Seiten starke Hardcover ist selbst in sieben Bücher unterteilt, bleibt damit den einzelnen Bänden der Recherche treu und befasst sich jeden Tag mit den zwanzig von Schmidt gelesenen Seiten auf eine vor allem persönliche Weise. Der Leser erfährt, wo sich Schmidt geographisch befindet, der erste Eintrag im Proust-Erfahrungsbuch beginnt am 18. Juli 2006 in Berlin. Vor allem erklärt sich Jochen Schmidt selbst, er schildert seine Lese- und Lebensumstände, seine Gedanken, Zweifel und Alltagseindrücke.
Dabei will Schmidt keineswegs eine besonders fundierte Interpretation oder Meinung zu Prousts Lebenswerk bieten, sondern einen assoziativen Leseprozess festhalten. Er gibt damit tiefen Einblick in sein eigenes Leben und durch sein eigenes Sympathisieren kann er vielleicht schaffen, was so manches hochliterarische Buch nicht kann: die Verführung zur Leidenschaft mit dem Buch.
Besonders bemerkenswert sind dabei die Rubriken: Bewusstseinserweiterndes Bild, Unklares Inventar Verlorene Praxis, Selbständig lebensfähige Sentenz, Katalog kommunikativer Knackpunkte und Erstaunliche Behauptung. Hierbei bezieht sich Schmidt vollkommen auf Prousts Erzählstil. Jochen Schmidt verweist auf bewusstseinserweiternde Bilder wie 'Im Winter ist die Seine zugefroren, 'der nun alle, selbst die Kinder, sich furchtlos näherten wie einem riesigen gestrandeten Wal, der wehrlos seiner Zerteilung entgegensieht' '; unklare Inventare wie 'Camaïeumalereien', 'Jett-Tropfen' und 'Den Telefonhörer einhängen, und 'damit die Zuckungen dieses klingenden Stumpfes' ersticken', aber auch so wunderschön melancholische verlorene Praxen wie 'Aus Trauer um einen Mann überall seine Initialen mit den eigenen verflechten.'
Vor allem zeigt Jochen Schmidt mit seinen Ausführungen 'jeden Tag' von Neuem, dass auch das Leben eines im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert Gewesenen fesseln und beeindrucken, ja große Auswirkungen auf das eigene tägliche Sein haben können. Das stellt eine der größten Stärken dieses Buches dar: diese unverhohlene Liebeserklärung an die Literatur.
Sollte man nicht Proust vorher einmal gelesen haben, um dieses Buch überhaupt verstehen zu können? Nicht unbedingt. Sicherlich mag ein gewisser Einblick in die Schreibe Marcel Prousts nicht von Nachteil sein, die sympathische und witzige Sprache des ehemaligen Literaturstudenten und jetzigen Autors und Journalisten Jochen Schmidt aber bilden eine vollkommen eigene und erfahrenswerte Welt.
Das optisch sehr ansprechend gestaltete Hardcover mit dem unverzichtbaren Lesebändchen lädt zum Lesen ein und kann einem in durchaus kurzen und übersichtlichen Kapiteln selbst über ein halbes Jahr begleiten. Wenn man denn die lockerleichte Prosa von Jochen Schmidt nach einem Kapitelchen überhaupt noch zur Seite legen kann.
'Ich habe mir nie angemaßt, etwas Relevantes zu sagen zu haben, ich wollte nur meine Begeisterung mitteilen und andere zur Lektüre verführen', schreibt Schmidt in seinem Vorwort des Buches. Das hat er zweifellos getan. Michael Maar bereits hat dieses Buch als eines der originellsten Proust-Bücher seit Alain de Bottons "How Proust can change your life" bezeichnet. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Fazit: Dieses Buch ist etwas für längere freie Momente, die man dem Lesen eines aberwitzigen, schlauen Autors widmen will, der zwischen dem Reflektieren und Verdauen des Klassiker-Schinkens von Proust vor allem den Blick für sein gegenwärtiges, alltägliches Leben in die Recherche und das Leben mit ihr einbezieht und dadurch gerade ein Bild der gesellschaftlichen Gegenwart entwirft. Aber es ist auch absolut etwas für die kürzeren Momente des Lebens, in denen man sich kolumnistisch gut unterhalten wissen möchte.
Das besondere Schmankerl dieses Buches stellt die CD dar, auf der Jochen Schmidt von Tag 55 bis Tag 64 selbst seine Leseerfahrungen vorliest. Einlegen, mitlesen, einen Autor einmal anders kennen lernen. Absolute Leseempfehlung!