Nachdem ich dieses zugegeben nicht einfach zu lesende Buch ein zweites Mal zur Hand genommen habe, wird mir deutlich, wie weit der Autor seiner Zeit voraus war und wie dringlich die Lektüre gerade heute in der Zeit der Weltwirtschaftskrise und der Klimadebatte ist. Das Buch ist zwar vordergründig eine berechtigte Kritik an der Chaostheorie. Entscheidend ist aber die exakte wissenschaftstheoretische Analyse im zweiten Teil des Buches, die sich mit den Fallstricken mathematischer Modellbildung auseinandersetzt. Wehr zeigt eindringlich, wie verführerisch und gefährlich es ist, von unzureichend validierten Simulationen auf die Wirklichkeit zu schließen. So werden alle Leser, die bei windigen wirtschaftlichen Prognosen und kühnen Klimavoraussagen ein flaues Gefühl im Magen bekommen, für Wehrs klare und fundierte Analyse dankbar sein. Der Autor entwickelt zudem einen "wissenschaftstheoretischen Werkzeugkasten" mit dessen Hilfe der Leser selbst in die Lage versetzt wird, tragfähige wissenschaftliche Modelle von bloßen Behauptungen und wilden Spekulationen zu unterscheiden. Zugegeben kostet es Konzentration und Ausdauer, dem Autor bei seinen Argumenten zu folgen. Aber die Mühe lohnt sich, da man endlich versteht, wie mathematische Modellbildung und deren numerische Simulationen funktionieren. Wären unsere Politiker mathematisch und philosophisch versierter, würde man Ihnen den "Schmetterlingsdefekt" als Pflichtlektüre empfehlen wollen, damit sie in die Lage versetzt werden, die neuesten wissenschaftlichen Moden richtig zu werten und so bei Bedarf die eine oder andere Steuermilliarde zu sparen.