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Weil sich die schmale Novelle rasch zu einem spannenden Krimi entwickelt, sei vom Plot nur wenig verraten: Der Protagonist und Erzähler -- Wissenschaftler und Psychiater -- besucht in einem mondänen österreichischen Badeort seinen einstigen Doktorvater, der ihm von einem besonders interessanten Fall, dem Ehepaar Palm, erzählt. Nach und nach erarbeitet er sich die obsessive Geschichte des Paares -- bis er feststellt: Johanna Maria Palm und ihr Mann sind eine Person.
Doch was ist so fesselnd an dieser traumatischen Persönlichkeitsspaltung, die dem Leser als eine sexuell aufgeladene Novelle präsentiert wird? Zunächst steht für den Erzähler das wissenschaftliche Interesse im Vordergrund: Er ist Analytiker und -- wie vor ihm auch schon Max Frischs Homo Faber -- gewohnt, die "Dinge so zu sehen, wie sie sind", was sich in einer möglichst objektiven Erzählperspektive ausdrücken sollte. Jedoch: In dem Maße, in dem der Erzähler sich mit aufklärerischem Impetus dem Fall annimmt, desto mehr verfällt er der wahnsinnigen Aura der Johanna Maria Palm, ohne am Ende noch zu wissen, ob er sie als Heiland erlösen oder aber sich in den dunklen Abgründen ihrer Psyche verlieren will -- oder: ohne noch fähig zu sein, Wahn und Wirklichkeit voneinander zu unterscheiden und letztlich dazu beizutragen, den eigenen Verfall (als Protagonist und in der Folge als Erzähler) kontinuierlich voranzutreiben.
Wie bei Schnitzler in der Traumnovelle die Ehekrise, so dient hier die individuelle psychische Erkrankung der Protagonistin als Motor, das Verhältnis von faktischer und psychischer Wirklichkeit zu exemplifizieren. Und dies ist auf geradezu irritierende Weise gelungen. --Kristina Nenninger -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Helmut Kraussers «Schmerznovelle»
Wenn ein nicht mehr ganz junger Mann «die Erotik vierzigjähriger Frauen» entdeckt, ist Vorsicht geboten umso mehr, wenn der Mann aus der Feder eines nicht mehr ganz jungen Schriftstellers namens Krausser stammt. Helmut Krausser, seit «Melodien» und «Thanatos» als Verfasser trivialmythosophischer Wälzer bekannt, hat sich in letzter Zeit eher der handlichen Form gewidmet. Nach «Der grosse Bergotzky» legt er nun erneut ein schmales Exempel seiner todestrunkenen und pornographischen Obsessionen vor. Die «Schmerznovelle» ist einmal mehr angesiedelt auf dem hauchdünnen Grat zwischen schwarzer Romantik und manieristischer Attitude, sie spielt im therapeutisch gestützten Milieu eines noblen Badeorts an einem bayrischen See, und Krausser hat sich auch diesmal den Topoi von Blut, Wahn und Tod sowie dem stets aktuellen Doppelgängermotiv verschrieben. Oder um mit dem Klappentext-Dichter und Filmregisseur Tom Tykwer zu sprechen: «Helmut Kraussers Schmerznovelle ist das beste Krimipornomelodram aller Zeiten.» Das ist, in Anbetracht dessen, dass diese aparte Gattung mit Kraussers Novelle wohl erst erfunden wurde, womöglich nicht einmal falsch.
«Jenseits alles jemals Gesehenen»
Der Kunststoff, aus dem seine Träume sind, ähnelt denn auch dem dämonisch-pompösen Dekor von Stanley Kubricks Verfilmung der schnitzlerschen «Traumnovelle»; und auch Tom Cruise wäre der Darstellung dieses Helden vermutlich gewachsen. Für die unerhörte Begebenheit, die das Genre vorschreibt, ist der Ich-Erzähler zumindest beruflich bestens gewappnet; als führender Spezialist für sexuelle Abweichungen mag ihm das von seinem Doktorvater lüstern annoncierte «Phänomen jenseits alles jemals Gesehenen» so unerhört darum nicht mehr scheinen; und auch das Wetter «ein schwerer September lastete auf dem See» spielt mit. Die Begebenheit heisst Johanna Maria Palm und befeuert («bis auf ein paar Krähenfüsse war ihr Gesicht faltenfrei, doch abgelebt, verschattet») die oben genannte erotische Irritation.
Ausgerüstet mit einer massiven Persönlichkeitsspaltung, hält sich Frau Palm mal für ihren verstorbenen Gatten, mal für sich selbst wobei auch die Todesumstände des angeblich einer Selbstverbrennung erlegenen Künstlers Ralf Palm zunehmend ins Zwielicht geraten. Hat Johanna Maria den Mann, der sie im hauseigenen Hobbyraum in bizarre Gerätschaften zwang und darin den Honoratioren des Städtchens zur Verlustierung anbot, womöglich selbst um die Ecke gebracht? Und weshalb ereilt den «renommierten Psychiater» angesichts der Patientin in spe nicht bloss der unwiderstehliche Drang, ihr Schmerz zuzufügen, sondern sogleich eine existenzielle Krise, ja gar ein poetischer Schub? «Wie der letzte Schimmer einer untergehenden Sonne leuchtete die Frage tief in mich hinein: Wer bist du? Und warum bist du so?» Wohl weil es, und dies ist die mit allen Mitteln der Trivialpsychologie inszenierte und von «tief drinnen» gespeiste Trieblehre dieser Albtraumnovelle, mehr Dinge zwischen mahagoniverkleideten Partykellern und geschändeten Gräbern gibt, als die psychiatrische Schulweisheit sich träumen lässt. Schon als Johanna dem Arzt bei der ersten Begegnung die blosse Brust darreicht, pariert der Doktor in einer Weise, die fortan das Geschehen diktiert: «Ich antwortete nicht, verbeugte mich, gab ihren freigelegten Brüsten einen Kuss, empfahl mich, trat ins Freie. Verwirrt, verscheucht und wie im Traum.»
Zwar hat der Wunsch, von der Hand eines Weibes zu sterben, den Seelendoktor schon früher ereilt, doch wird der Impuls nun von jenen okkulten Kräften genährt, deren schauerromantische Herkunft das literarische Kapital sind, aus dem Krausser seine «entsetzlichen Bücher» schöpft. Die Lust, die sich dem Eros der Schmerzbereitung verschreibt, ist seit je das Spezialgebiet unseres bayrischen Thanatologen; mehr oder weniger sind seine Helden sämtlich «verdorben, geschult, der Grausamkeit nah». Der «Sex mit dem Engel, der einen seiner Flügel an uns abgibt» und meistens in einem Tötungsakt gipfelt, ist ein Motiv, das sich durch Kraussers mit Sachverstand und Gelehrsamkeit komponierte Bücher zieht; in diesem hat der Fachjargon der akademischen Uneigentlichkeit allerdings mehr als sonst seine unschönen Spuren gezeitigt. Wenn der Ich-Erzähler seine «Unsicherheit zu konservieren» versucht, weil sie «erregend war, wie jedes Symptom eines Phänomens, das vordergründig undurchschaubar scheint», mag das zwar von seiner zeitweiligen Verwirrung, nicht aber von seinem Stilwillen zeugen. Wie überhaupt die holzige Sprechzimmerprosa sich seiner «theomantischen» Reflexionen allzu häufig bemächtigt.
Hobbyraum-Porno
Ja, «wenige Glanzlichter genügen, um einem beliebigen Leben die Illusion einer parabolischen Signifikanz zu verleihen», doch gilt das nun einmal nicht für die parabolische Literatur. Man hüte sich freilich auch vor dem Umkehrschluss, nachdem dieser Hobbyraum-Porno Schlaglichter auf seinen Schöpfer wirft. Denn Kunst «entsteht aus so vielen, chronologisch oft weit auseinander liegenden Ursprungsfaktoren, samt deren immanenten Negierungen, Bearbeitungen, Synekdochen und Ironisierungen, dass aus ihr absolut nichts Privates abzulesen ist. Basta. Punktum.»
Das wollen wir, Freuds Theorie der Verneinung punktum beiseite lassend, für alle Beteiligten hoffen. Allemal aber gilt auch für dieses Buch: «Der Versuch, dem Ganzen eine komische Note zu verleihen, misslang.» Denn wenn am Schluss «der durchstossene Hals, das Blubbern der klaffenden Wunde» das «stossweise hervorprasselnde Blut» den Helden im Augenblick höchster Lust besudelt, ist auch dies «ein Moment erhabenster Grausamkeit». Doch wissen wir spätestens seit Schnitzlers «Traumnovelle», dass «die Wirklichkeit einer Nacht, ja dass nicht einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste Wahrheit bedeutet». Überdies ist die Vorliebe für die Erotik vierzigjähriger Frauen, wie der Doktorvater aus eigner Erfahrung versichern kann, ein vorübergehendes Phänomen. Der Geschmacklosigkeit aber ist kein Alter gesetzt. «Ein Buch, nach dem man sich fühlt wie nach einer langen Nacht des Fremdgehens: verschwitzt, schuldig, erregt, delirös, betrunken, hungrig, erschöpft», dichtet Tom Tykwert weiter. Da bleibt nur eins: duschen, essen, schlafen. Oder einfach ein anderes Buch lesen.
Andrea Köhler -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Wieder einmal stellt Helmut Krausser sein uneingeschränktes Genie unter Beweis. Die Schmerznovelle ist fesselnd und abstoßend zugleich. Sie will gelesen werden und brennt sich in die Seele eines jeden Lesers.
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