Wer Bücher von Joachim Bauer kennt, der weiß, dass sie sich gut lesen. 'Schmerzgrenze ' Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt' liest sich aber im doppelten Sinn gut.
Der Erkenntnisgewinn geht weit über eine Beschreibung neurowissenschaftlicher Neuentdeckungen hinaus und lässt den Leser verblüfft über die Fähigkeiten unseres Hirns zurück.
Dass sich dieses Wissen nur im Zusammenhang mit der sozio-kulturellen Entwicklungsgeschichte des Menschen aufzeigen lässt, verdeutlicht Bauer ganz klar. Um zu verstehen, warum wir heute so agieren und reagieren, wie wir es tun, ist ein Blick zurück unerlässlich. Und gerade diese Zusammenhänge stellt Bauer dar, ein wichtiges Wissen, welches in heutigen Diskussionen oft schon nicht mehr vorhanden ist und somit zu zu kurzen Schlüssen führen muss.
Der Mythos des Survival of the fittest wird in einem neuen Licht dargestellt und es wird deutlich, dass hier eher eine Hilfsklausel erfunden wurde, um mit gutem Gewissen egoistisches Verhalten zu rechtfertigen. In Zeiten immer knapper werdender Ressourcen ist es aber wichtig, den Menschen zu befähigen, Verhaltensmuster und Machtstrukturen zu erkennen, um sich nicht in einer Opferwelt einzurichten.
Diesen Erkenntnisgewinn zieht man bei der Lektüre des Buches auf alle Fälle.
Bei allem bereits in den geschriebenen Rezensionen gesagten bleibt noch hinzuzufügen, dass wir uns einer der wichtigsten Aufgaben neu stellen müssen, nämlich der einer Erziehung zum mündigen Menschen. Die Grundlagen für eine psychische Belastbarkeit werden durch die Erziehung vom Säugling bis zum Erwachsenen ausgebildet und daher scheint mir der einzige Weg, um Menschen die Fähigkeit zu geben, den wachsenden Stressoren unserer Gesellschaft standzuhalten, eine gute Menschenbildung zuteil werden zu lassen, denn 'unsere neurobiologischen Potenziale entfalten sich nur in unterstützenden sozialen Kontexten. Menschen, die ohne solche Kontexte aufwachsen, haben später ein erhöhtes Risiko, gewalttätiges Verhalten zu entwickeln.' (Schmerzgrenze, S. 109) Und überall da, wo Kommunikation versagt oder verweigert wird, wird der destruktiven Aggression das Wort geredet. Das Wissen von Bauer hilft, zu erkennen, dass es nicht das Böse Monster gibt, denn jede Tat hat eine lange Entwicklungsgeschichte, die sich in ihrer Vielfalt nie auf den schnellen Blick erschließt.
Weitergelesen ergibt sich daraus, dass die Sprache die Möglichkeit des Menschen ist, 'die kommunikative Funktion der Aggression sicherzustellen' (Schmerzgrenze, S. 112) Daher ist es in der heutigen Zeit so brisant, wenn die Kommunikation versagt, das Gespräch sich verkürzt und die Worte für die Gefühle, die einem widerfahren zu fehlen beginnen, weil die Möglichkeit sich auszudrücken nicht entwickelt werden kann.
Die Dinge entstehen im kleinen, individuellen Kontext, prägen aber eine ganze Gesellschaft und lassen Trends und Mythen wachsen. So ist es an der Zeit, manche liebgewonnene Interpretation aufzugeben und alte Tabus zu brechen, soll ein gelingendes Miteinander in einer ressourcenknappen Zeit noch möglich sein. Aber vielleicht ist der Kreativität des menschlichen Hirns ja keine Grenze gesetzt, in einem gesunden Umfeld gesunde Lösungen zu entwickeln.
Das Buch ist brisant, spannend und bringt ohne erhobenen Zeigefinger gesellschaftliche Fehlentwicklungen auf den Punkt. Mit dem Verstehen und einer neuen Diskussion über die menschliche Aggressivität ist schon viel gewonnen. Absolut lesenswert!