Sehen wir es als Tatsachenbericht
Das Buch ist (leider) kein Roman, es beschreibt die Dinge wie sie wirklich sind, von daher ärgere ich mich über Rezensenten, die das Buch schlecht beurteilen, weil es ihm an "Spannung" fehlt. (wer von einem Kriegsfilm erwartet, daß er beim Angucken Tränen lacht, kann nur enttäuscht werden).
Nun gut, das Buch liefert nüchterne (und ernüchternde) Fakten über Genitalverstümmelung, auch und im Besonderen in den Industrieländern. Genitalverstümmelung ist kein rein afrikanisches Problem mehr, spätestens seit in westliche Länder Tausende von Afrikanern eingewandert sind, die natürlich nicht ohne weiteres bereit sind, in ihrer neuen Heimat ihre alten Traditionen aufzugeben, selbst wenn sie dadurch mit unserem Gesetz in Konflikt geraten. Dann macht man's eben heimlich. Und genau das ist das Problem: Man kann nur vermuten, wie viele Eltern afrikanischer Herkunft ihre Töchter dieser Prozedur unterziehen lassen, denn das meiste geschieht im Dunkeln. Auf der anderen Seite: Wenn so etwas ans Licht kommt, wie soll unsere Justiz mit dem Problem umgehen? Kann man hierzulande etwas ohne weiteres bestrafen, was für unsere Begriffe ein absoluter Verstoß gegen die Menschenrechte, in anderen Ländern aber ein Teil der Kultur ist? Waris Dirie sagt es selbst - ihre Mutter wollte für sie nur das beste, als sie sie beschneiden ließ.
Der Leser ahnt - dieses Problem beschränkt sich nicht auf die Sache mit der Genitalverstümmelung, sondern findet sich in vielen Dingen im Zusammenhang mit Ausländerintegration, besonders wenn es um Dinge geht, die man nicht ganz so klar verurteilen kann wie die Sache mit der Genitalverstümmelung, und dann tun sich erst die echten Probleme auf, denn dann kann der Staat nur zusehen.
Man darf wohl annehmen, daß alle Fakten in diesem Buch sorgfältig recherchiert sind. Wer sich wirklich für das Thema interessiert, sollte sich das Buch also ruhig kaufen. Wer erwartet, daß Waris Dirie mit diesem Buch eine weitere Aschenputtelgeschichte à la "Wüstenblume" auf den Buchmarkt gebracht hat, sollte lieber letzteres noch einmal lesen.