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41 von 57 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
In der Beobachtung oft treffend, insgesamt aber fragwürdig, 16. Mai 2005
Von Ein Kunde
Ein äußerst zwiespältiges Buch. Meine Haltung dazu ist letztlich doch ablehnend, auch wenn so einiges von dem, was Hahne schreibt, zutrifft. Ich fange mal mit dem Positiven an. In seiner Bestandsaufnahme der Spaßgesellschaft sind Hahnes Beobachtungen und Aussagen oft sehr treffend. Die Jagd nach Adrenalinkick, ständigem Lustgewinn und frustrationsfreier Sofortbefriedigung hat etwas ungemein krankes an sich. Die authentischen Gefühle, die ihrer Natur nach nicht nur angenehm sein können, werden ständig übertüncht durch Reize, Reize und noch stärkere Reize. Statt in ihrem Leben wirklich anzukommen, wollen viele Menschen ihrem Leben nur noch entfliehen. Die Gründe dafür liegen auch darin, daß die heutige Welt (wie Hahne richtig feststellt) von einem Verlust bzw. Bedeutungsverlust vieler gewachsener Strukturen gekennzeichnet ist. Es ist (fast) alles erlaubt, nichts durch Tradition und Überlieferung bestimmt, so manches grenzüberschreitend und global. Die Folge ist, daß der Einzelne heute einem hohen Maß von Orientierungslosigkeit ausgesetzt ist. Die Angst, die dadurch entsteht, ist unangenehm und muß durch "Spaß" beiseite geschoben und so unfühlbar gemacht werden.Soweit Hahne dies konstatiert, hat er Recht. Aber die Lösung, die er anbietet, kann so nicht der wahre Jakob sein. Es ist aus seiner christlichen Sicht zwar verständlich, daß er eine Rückbesinnung auf Gott und die Bibel vertritt. Meiner Meinung nach ist dies jedoch keine Antwort, die wirklich zu einer Lösung der Probleme unserer Zeit führt. Hahnes "Lösung" kommt darin zum Ausdruck, daß er alle verloren gegangenen alten Strukturen wieder aufgebaut sehen möchte, - insbesondere die Autorität von Kirche, Eltern und Lehrerschaft. Das ist eindeutig konservativ-reaktionär und nicht progressiv (wie Hahne behauptet). Sicher, nicht alles, wogegen die 68er angegangen sind, war schlecht. Das traditionell Gewachsene hat auch seine guten Seiten. Aber Hahne begreift nicht, daß es angesichts der barbarischen Dinge, die im christlich geprägten Deutschland während des Dritten Reiches Realität wurden, absolut notwendig war, alles zu hinterfragen, was nach dem Krieg so einfach weitergehen sollte. Die seit '68 verlorenen Strukturen sind Vergangenheit. Die Antwort auf die daraus resultierende Situation kann nicht in einer Restaurierung des Alten bestehen. Aus meiner Sicht kann die Lösung nur darin bestehen, daß wir endlich selbst aktiv werden, für unser Leben selbst die Verantwortung übernehmen und unsere Orientierung aus eigenen, selbst aufgebauten, neuen Strukturen schöpfen. Wir müssen uns selbst geben, was wir brauchen. Aber dafür müssen wir erst mal wahrnehmen, was wir wirklich brauchen und das bedeutet, sich um das von Hahne so sehr geschmähte Selbst zu kümmern. Hahnes Buch krankt daran, daß er vieles völlig undifferenziert hinwirft. Auch stimmen viele seiner Prämissen einfach nicht. Er will z.B. die Autorität von Eltern und Lehrern wiederherstellen, ohne ein differenzierendes Wort darüber zu verlieren, welche Art von Autorität er meint. Er hat recht, Eltern und Lehrer brauchen Autorität, aber nicht eine Autorität der Marke "Du tust jetzt gefälligst, was ich sage!" sondern eine, die Kinder als eigene Menschen respektiert und unterstützt und sie nicht, wie es früher üblich war, unterdrückt. Ein anderes Beispiel: "Selbst" heißt bei Hahne automatisch "grenzenloser Egoismus". Aber das ist ein sehr eingeengtes und vereinfachtes Verständnis. Wenn wir mit uns selbst wirklich verbunden wären und uns selbst geben könnten was wir brauchen, dann würde sich die zwanghafte Gier nach "Spaß" und Konsum erübrigen. Aber dem christlichen Menschenbild liegt es fern, den Menschen als seiner Natur nach zum Guten fähig anzusehen. Welch großes Mißtrauen in dieser Sicht auf den Menschen zum Ausdruck kommt und wie sehr dies zu Abneigung gegen sich selbst führen muß, ist Hahne nicht im entferntesten bewußt. Er scheint auch nicht die leiseste Ahnung zu haben, daß daraus ein hohes Maß an psychischem Geschwächtsein und die dies kompensierende Neigung resultiert, sich an eine äußere Autorität zu klammern (statt mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen und auf die eigene Kraft zu vertrauen). Sein Leben ernst nehmen heißt für mich, sich seinen Bedürfnissen und Gefühlen zu stellen, anstatt vom Staat oder von Gott oder sonstwem zu erwarten, daß er das eigene Leben richten soll. Aber wenn man keinen Zugang mehr zu seinen Gefühlen hat, weil man sein Leben lang Karriere machen mußte, dann ist das natürlich schwierig. Ich möchte Hahne nichts unterstellen, aber die Tatsache, daß sein Buch vor Widersprüchen nur so strotzt, kann einen schon nachdenklich machen. Vieles wurde von anderen Rezensenten schon genannt, beispielsweise, daß er sich über das Wehklagen beklagt, aber selber das ganze Buch hindurch wehklagt! Ein anderes und mir besonders sauer aufstoßendes Beispiel ist das folgende. Auf Seite 70/71 schreibt Hahne im Hinblick auf Toleranz: "So kann ich um des anderen willen selbst Überzeugungen achten, die ich nicht teile." Nur um schon im übernächsten (!) Satz zu schreiben: "Und wenn ich's mit meinem Gegenüber gut meine (und das sollten wir ja als tolerante Menschen!), dann werde ich versuchen, sie ihm auszureden. Das nennt man Mission." Also, ich finde, das spricht für sich selbst. Soll das etwa die "Achtung" sein, nach der wir unser Leben ausrichten sollen?! Nein, wir müssen uns auf uns selbst und vor allem unsere wahren Gefühle und Bedürfnisse besinnen und aus diesem Kontakt zum eigenen Selbst heraus unsere Orientierung im Leben schöpfen. Als wirklich selbstbestimmte Menschen. Hinzuzufügen ist noch, daß das Buch aus Vorträgen entstand, die der Autor ohne festes Manuskript gehalten hat. Das mag die etwas unstrukturierte Aneinanderreihung von "Informationshäppchen" und die fehlende Differenzierung vieler Begriffe erklären. Aber nicht entschuldigen. Denn wenn man etwas zu so wesentlichen Fragen sagen will, dann sollte man das nicht oberflächlich und vereinfachend tun. Insgesamt hat Hahne zwar mit vielen Feststellungen zum Status Quo der Gesellschaft recht, zu den wahren Ursachen erfährt man jedoch so gut wie nichts. Vielleicht hält er das für nicht so wichtig, weil er ja vor allem seine gute Botschaft von Gott unters Volk bringen will. Wenn ihn die tieferen Ursachen nicht interessieren, dann soll er aber - bitte schön! - auch keine populistischen Bücher fabrizieren.
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