... so lautet das Problem, das der Zielgruppe des Buchs bewusst gemacht werden solle, und zugleich weist der Autor damit hin auf die Lösung, nämlich als Erwachsene selber spielerische und zerstörerische Gewalt voneinander zu unterscheiden und Kinder und Jugendliche dies unterscheiden zu lehren.
Das Buch des Wiesbadener Pfarrers Thomas Hartmann richtet sich an Eltern, Erzieher, Politiker und Medienschaffende. Für Spieler - "Killerspiel-Spieler" - ist das Buch eine gute Zusammenstellung aller Ansichten, die man schon all die Jahre aus eigener Spiel- und damit Selbsterfahrung hatte, aber während der öffentlichen Debatte so schmerzlich von zweifelhaften Experten abgekanzelt oder übergangen gesehen hat.
In dem Buch geht es um mehrere Aspekte des Problems "Jugendgewalt", die Hartmann immer mit Rückgriff auf die aktuelle internationale Forschungslage erörtert.
Zunächst räumt er mit dem durch die Medien vermittelten Zerrbild auf, dass die Gewalt unter Kindern in den letzten Jahren und Jahrzehnten ständig angestiegen sei. Das sei nicht nachweisbar. Man könne statistisch nur eine Zunahme enthemmter Gewalt nachweisen. Diese sei darauf zurückzuführen, dass aufgrund des gesellschaftlichen Gewalt-Tabus Kinder ihre Aggressionen nicht mehr spielerisch in geregelter, ungefährlicher Form einüben dürften, so dass sie deswegen gar nicht mit ihrer körperlichen Stärke und psychischen Aggression umzugehen lernten.
Es gelte hingegen, Aggression und Gewalt als Teil des Lebens anzuerkennen und in verantwortbaren Grenzen zuzulassen. Dies sei für die Kinder wichtig und gesund, denn nur so lernten sie frühzeitig soziale Kompetenzen wie Empathie durch wechselnde Täter-Opfer-Rolle in Spielen, Umgang und Grenzen mit ihrer eigenen Körperstärke, ein Ausleben angestauter Aggressionen und Frustrationen durch nicht-zerstörerisch wirkende Spiele, ein stärkeres Selbstbewusstsein durch spielerischen Kampf gegen angstmachende und herausfordernde Gegner, die aber tatsächlich besiegt werden könnten, ein tieferes Selbstbewusstsein dadurch, dass sie sich auch ihrer Gefühle bewusst sein dürften, ohne diese gesellschaftlich geächteten Gefühle verurteilen zu müssen (zu verurteilen sei nicht das Aggressivsein, denn jeder Mensch sei von Natur aus zur Aggressivität (prä-)disponiert, sondern nur die Überschreitung von Grenzen im Umgang mit Aggression und Gewalt, was dann zur Verletzung Anderer führe).
Spielerische Gewalt in von Kindern selbst aufgestellten und nur in Extremfällen durch elterliches Eingreifen neu zu ziehenden Grenzen ausleben zu dürfen, sei sogar notwendig, damit unterdrückte Aggression nicht in zerstörerischer Gewalt ausbreche.
An der Friedensbewegung und ihrer Pädagogik kritisiert er, dass sie auch die spielerische Gewalt verpönt habe. Ihren Anspruch gegen reale, zerstörerische Gewalt unterstützt er. Also die typische Unterscheidungsfähigkeit zwischen Spiel und Ernst. Diese Friedensutopie habe jedoch, so attraktiv sie auch sei, dazu geführt, dass heutzutage jeder überall nur noch Gewalt sehe, was durch die Medien zusätzlich aufgebauscht werde. "Die Erwachsenen" sollten sich daher vor allem erst einmal über ihre eigenen moralischen Überzeugungen und erwachsenen Vorurteile im Klaren werden, bevor sie pauschal alle kindliche und jugendliche Gewalt mit rigiden, Frust erzeugenden Verboten aus ihrer Erwachsenen-Welt vertreiben wollten.
Der Autor gibt dazu viele Tipps im Umgang mit Kindern und ihren oft martialisch anmutenden Spielvorstellungen. Er stellt auch pädagogische Konzepte vor, wie etwa Anti-Aggressivitäts-Training an Kindergärten und Schulen oder auch Kampfsportunterricht als einen anderen Weg für Kinder und Jugendliche, ihre Aggressionen in strenger ethischer Regulierung und Vermittlung von Verantwortungsbewusstsein entfalten zu dürfen.
Computerspiele mit Gewalt sind eine von vielen Formen spielerischer Gewalt. Auch hier gelten Regeln, moralische Wertsysteme und Teamplay (Gemeinschaft, Freundschaft, Fairness usw.!). Bis auf vergleichsweise wenige Ausnahmen seien die meisten Computerspiele auch für Kinder geeignet, wobei sich Eltern gründlich über die Alterskennzeichnungen informieren sollten. Wichtiger als alle formalen Kriterien sei aber das elterliche Interesse für die Bedürfnisse des Kindes. Nur so könnten dann auch in begründeten Einzelfällen Verbote einzelner Spiele durchgesetzt werden. So hatte der Autor seinen Kindern etwa GTA San Andreas verboten, nicht wegen des hohen Gewaltanteils und der (im Buch umfassend widerlegten) Befürchtung, dies führe zu einem Amoklauf, sondern einfach, weil er fand, dass es für seine Kinder bessere, altersgemäßere, kindgerechtere, pädagogisch wertvollere Spiele gäbe, mit denen sie ihre Zeit verbringen könnten als eins, in dem sie als Gangster mordend durch die Straßen zögen.
In Hinblick auf die Killerspiel-Verbotsdebatte sei es wichtig zu sagen, dass nicht die Medien, sondern eine feindliche Umwelt und mangelnde Lebenschancen Gewalttaten begünstigten. Ein Killerspielverbot sei nicht effektiv, da es zum Einen sowieso umgangen werden könne und zum Anderen nicht die eigentlichen Ursachen von Gewalttaten wie den Amokläufen von Erfurt und Emsdetten berühre. Erziehung sei das Zauberwort, so einfach und doch so schwer!
Fazit: Jeder jugendliche Spieler sollte dieses Buch dringendst seinen Eltern zum nächstmöglichen Termin schenken! Und vorher oder nachher auch mal selber lesen ... ;)
P.S.: Dieses Buch sollten ruhig auch alle kaufen und lesen, die es sich nicht hätten träumen lassen, dass sie je überlegen, ob sie ein Buch von einem PFARRER(!) und sogar mit ihm auf den Cover kaufen würden. Dachte ich auch nicht, es war mir auch peinlich, als ich darin in einem Café las, aber bis auf ein paar kurze, bibelkritische Abschnitte über Gewalt in der Bibel merkt man eigentlich nichts von der Profession des Autors. (Da er nur auf 10 Seiten sowie noch wenige Male verstreut im Buch auf die Bibel zu sprechen kommt, sei nur soviel gesagt, dass ich seine Darstellung für plausibel halte.) Soll heißen: Er verfällt nirgends ins Predigen und schon gar nicht ins Missionieren. *Entwarnung* ;)