Aus der Amazon.de-Redaktion
Sun, Ericsson, die Deutsche Telekom, Siemens, Hewlett-Packard -- zu tausenden setzen die krisengeschüttelten Unternehmen ihre Mitarbeiter vor die Tür. Stellenabbau gilt als Nonplusultra der Kostenreduzierung. Dass diese Radikalkur den Mitarbeitern auf den Magen schlägt, kein Wunder.
Doch die New Economy hat ausgespielt. In ihrem Buch Schluss mit lustig! beschreibt Judith Mair, warum Unternehmen mit ihrer Duzkultur die Mitarbeiter in die emotionale Sackgasse manövrieren. EQ-Wahn und Spaßkultur seien die größten Lügen der Arbeitswelt. "Arbeit macht keinen Spaß, flexible Arbeitszeiten bedeuten Überstunden bis spät in die Nacht, Eigenverantwortung heißt in der Realität Selbstausbeutung." Was die Mitarbeiter brauchen, seien klare Vorgaben, eindeutige Ziele und ein Chef, der ihnen sagt, wo es langgeht. Dann klappt es auch mit dem Glücklichsein.
Leider aber schießt Mair über das Ziel hinaus. Die coolen Internet-Firmen, wie sie diese in ihrem Buch kritisiert, in denen kreative junge Menschen schräge Online-Konzepte ausheckten, Tischfußball spielten und spät nachts, im bläulichen Licht der Monitore, Pizza vom Bringdienst verspeisten, waren Randerscheinungen. Von den Medien in Szene gesetzt und ihre börsenmilliardenschweren Betreiber zu Popstars stilisiert. In allen anderen Unternehmen, die sich vielleicht das eine oder andere abgeguckt haben, herrschen seit jeher die Regeln des Ancien Régime. Und genau dort liegt das eigentliche Problem. --Martina Bergmann
manager magazin (11/2002)
Muss Ordnung sein?
Vertrauen versus Kontrolle im Unternehmen.
Die zwei Autoren spielen in unterschiedlichen Ligen. Auf der einen Seite Reinhard Sprenger (49), Managementberater und multipler Bestsellerautor ("Mythos Motivation", "Das Prinzip Selbstverantwortung", "Aufstand des Individuums"). Seit nunmehr zehn Jahren plädiert Sprenger für die Befreiung des Angestellten vom Korsett der konventionellen Arbeitsorganisation. Auf der anderen Seite Judith Mair, Jahrgang 1972 und Chefin einer winzigen Designagentur in Köln.
Anfang Oktober hat sie ihr erstes Buch veröffentlicht. Auf schmalen 184 Seiten beerdigt Mair viele der Ideen, für die der Name Sprenger steht. Flache Hierarchien? Für Mair eine Einladung zu fruchtlosen Debatten und verschleppten Entscheidungen. Teamarbeit? Eine Form der kollektiven Verantwortungslosigkeit. Die Abschaffung der Stechuhr? Eine subtile Variante der Selbstausbeutung.
Mair plädiert für eine Renaissance von Disziplin und Kontrolle im Arbeitsalltag. Stolz veröffentlicht sie das strenge Regelwerk, das sie angeblich in ihrer eigenen Agentur durchgesetzt hat: "Dienstbeginn ist werktags um Punkt 9 Uhr. Um 17.30 Uhr ist Dienstschluss, spätestens um 18 Uhr hat auch der Letzte das Büro verlassen." Beim Kunden treten Mairs weibliche Mitarbeiter in Einheitskostümen an, die an Stewardessen-Uniformen der 70er Jahre erinnern.
Gegenüber Mairs junger Lust an der Unterordnung erscheint Sprenger wie ein gutmütiger Apo-Veteran; wie der Daniel Cohn-Bendit der Managementberatung. In seinem neuesten Buch "Vertrauen führt" variiert Sprenger ein weiteres Mal die Melodie seiner vergangenen Werke: Nur wer seinen Mitarbeitern Vertrauen schenkt, kann Höchstleistungen erwarten.
Das klingt gut und richtig, aber nicht besonders originell. Die Forderung nach dem "Empowerment" des einzelnen Mitarbeiters gehört seit Jahren zum Schlagwortschatz am Stammtisch in der neuen Wirtschaft.
Judith Mair hingegen provoziert. In munteren Formulierungen erregt sie sich über die neuen losen Sitten im Arbeitsleben. Jeder, der schon einmal in einer Design-, Multimedia- oder sonstigen Kreativagentur tätig war und den dor-tigen Zwang zum kollektiven Individualismus erlebt hat, wird bei Mairs Schilderungen viel zu lachen haben.
Mit ihren Vorschlägen zur Bekämpfung des modischen Laisser-faire schießt Mair allerdings weit übers Ziel hinaus. Wenn sie ihren Mitarbeitern allen Ernstes vorschreiben will, sich untereinander zu siezen und auf keinen Fall mit dem Kickboard ins Büro zu fahren, dann hat das mit ernsthaften Führungskonzepten nichts zu tun. Eher handelt es sich um einen satirischen Gegenreflex zu den Ideen, die Reinhard Sprenger populär gemacht hat.
Fazit: Sprenger hat Recht aber Mairs Buch macht mehr Spaß.
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