Der schon etwas heruntergekommene Handelsvertreter Wendelin Witschi wird in der Nähe seines Heimatdorfes Gerzenstein erschossen aufgefunden, ausgeraubt hat man ihn anscheinend auch. Einen Tag später wird der vorbestrafte Hilfsarbeiter Erwin Schlumpf mit viel Geld aufgegriffen -- der Fall scheint klar. Und nachdem Schlumpf noch in seiner Zelle einen Selbstmordversuch unternimmt und nur dank Studers Intuition gerettet wird, scheint der Fall noch klarer... Aber nicht für den Wachtmeister Studer, denn der glaubt Schlumpfs Unschuldsbeteuerungen, und er macht sich auf den Weg nach Gerzenstein, aufs Land.
Gerzenstein ist in Studers Wahrnehmung ein Ort der Ladenschilder und Lautsprecher, im übertragenen ebenso wie im wörtlichen Sinn. Hinter die Fassaden zu schauen ist gar nicht so einfach... Bald findet er kleine Indizien, die seine Intuition bestätigen, und er trifft auch alte Bekannte wieder, von denen er einige vor Jahren mal verhaftet hat... Und er erfährt von seltsamen Zusammenhängen, wie sie auf dem Land so unüblich nicht sind; die Tochter des Ermordeten ist mit dem Verdächtigen verlobt, der Gemeindepräsident ist ihr Onkel -- und welche Rolle der Baumschulenbesitzer Ellenberger bei dem ganzen spielt, bleibt auch noch zu klären.
Und während Studer -- oft vergebens -- versucht, von den verschlossenen Dorfbewohnern etwas zu erfahren, erinnert er sich an die Erfahrung eines Pariser Kollegen: Lieber zehn Mordfälle in der Stadt als einer auf dem Land [...] Da hängen die Leute wie die Kletten aneinander, jeder hat etwas zu verbergen... Du erfährst nichts, gar nichts."
Aber Studer ist zäh; kein strahlender Superdetektiv, sondern ein unermüdlicher Wühler, nur scheinbar schwerfällig, der sich so schnell nicht abfertigen lässt; einer, der weiß, wie er die Leute zu nehmen hat, der mit dem zögerlichen Untersuchungsrichter genauso gut umzugehen weiß wie mit einem entlassenen Sträfling, der ihn mit "Eh, der Studer!" begrüßt. Er hat durchaus Sinn für die Komik, die sich in einer tragischen Situation verbergen kann -- und er ist einer, der mitfühlt mit den Menschen und in ihr Seelenleben förmlich hineinkriecht. "Schlumpf Erwin Mord" ist auf eine ganz unspektakuläre Weise fesselnd; der Roman bezieht seine Spannung nicht aus wildem Aktionismus, sondern aus dem Kontrast zwischen der ländlichen Schweiz der 30er Jahre und der authentischen Schilderung ihrer Bewohner einerseits, und Studers Reflexion andererseits. Es dürfte kaum ein stimmigeres und überzeugenderes Sittengemälde der ländlichen Schweiz geben, und schon gar keines, das gleichermaßen stilistisch überzeugen würde. -- Ein Krimi der Referenzklasse eben, hervorragend geschrieben, mit viel Charme und dem gewissen Etwas.
Wie sehr manch ein übereifriger Lektor sich in Friedrich Glausers Werk eingemischt hat, erkennt man bereits am Buchtitel; der vorliegende Krimi ist nämlich besser bekannt unter dem (nicht von Glauser stammenden) Titel "Wachtmeister Studer" und gehört zur vorbildlich edierten Glauser-Werkausgabe des Limnat-Verlags (bzw. als Taschenbuch beim Union-Verlag).
Der ursprünglich von Glauser vorgesehene Titel, "Schlumpf Erwin Mord", wurde hier wieder in Amt und Würden gesetzt. Und auch sonst hat man es sich nicht einfach gemacht bei dieser Edition: Glauser gehört zu jenen Autoren, deren mehr als abenteuerliches Leben sich auch in ihrer Veröffentlichungsgeschichte widerspiegelt, und dementsprechend existieren auch viele voneinander abweichende Textfassungen. Damit ist dieser Band auch für diejenigen Leser interessant, die den Krimi selber bereits kennen. Der Anmerkungsapparat und das Nachwort von Walter Obschlager sind aufschlussreich und erhellen nicht nur Handlungszusammenhänge oder erläutern Anspielungen auf zeitgenössische Geschehnisse, sondern liefern auch viel Hintergrundinformation zu Glausers Leben und Werk.