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Wir türmten ständig, meistens mitten in der Nacht! -- Ob solche Eltern für Jeanette und ihre beiden Geschwister (ein viertes kam später hinzu), eher Segen oder Fluch darstellten, mag der Leser entscheiden. Mit einer Art Hippie-Philosophie und einem nonkonformistischen Besserwissertum, das zuweilen nervt, ausgestattet, hatten Rex und Rose Mary Walls beschlossen, allem Konsum den Kampf anzusagen. Ein naturhaftes Leben on the road sollte den Kinder echte Werte vermitteln. Ein zwiespältiges Unterfangen bei einem Vater, der in lichten Momenten seinen Kindern die Welt erklärte, Sterne vom Himmel holte und ihnen ein Schloß aus Glas versprach, dann wieder klaute wie ein Rabe, und sich in den finstersten Phasen seiner Trunksucht gar in einen regelrechten Berserker verwandeln konnte.
Auch die Mutter, eine vor jeder Arbeit zurückscheuende verhinderte Künstlerin, bot kein rechtes Gegenmodell. Jeanette Walls indes beschloss rückblickend, die positiven Aspekte ihrer Erziehung herauszustellen. Die ständige Flucht vor den Handlangern, Blutsaugern, der Gestapo, wie der Vater seine Verfolger verwünschte, die Nahrungsaufnahme aus Müllcontainern, die zerschlissene Kleidung -- das gewählte Außenseitertum gerät bei ihr nicht zum Mangel sondern zum Lebensgewinn.
Wie das elterliche Fantasiegebäude erste Risse bekam und die allmähliche Abspaltung erfolgte, wird mit leisem Humor, großer erzählerischer Kraft und (nicht immer nachvollziehbarer) Liebe abgehandelt. Nach Nick Flynns literarisch schrofferen Bullshit Nights das zweite große Buch dieses Frühlings zum Thema Kindheitsbewältigung. --Ravi Unger -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
132 von 138 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Alternativ? Abenteuerlich? Asozial?,
Von Zaunkoenigin "zk" (Berlin) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Schloss aus Glas (Gebundene Ausgabe)
Das Leben sollte ein einziges großes Abenteuer sein. Jeannettes Walls' Eltern hassen Regeln und Konventionen. Sie sind ständig mit den vier Kindern unterwegs, oft auf der Flucht vor Gläubigern und Krankenhausrechnungen. Sie leben bewusst jenseits aller gesellschaftlichen Normen. Die Mutter, eine ausgebildete Lehrerin, arbeitet nur im äußersten Notfall, wenn die Familie finanziell gar nicht mehr weiter weiß. Sie sieht sich als Malerin und Schriftstellerin. Der Vater wird als genialer Bastler und Tüftler dargestellt, der an einer Goldsuchmaschine arbeitet. Im Endeffekt ist er ein notorischer Trinker, der ständig seine Arbeit verliert und das letzte Haushaltsgeld versäuft. Die Kinder wachsen sehr frei auf, ihr Leben wirkt zunächst aufregend, ungewöhnlich und spannend. Die Eltern bringen ihnen vielerlei Dinge bei und fordern ihren Intellekt. So muss die Erzählerin ihre Mathe-Hausaufgaben in binären Zahlen schreiben, weil sie sonst zu einfach wären. Sie lernt schießen und wie man in der Wüste überlebt. Das Prinzip der Eltern: Wer es in der Jugend schwer hat, ist später widerstandfähiger. Die Erzählerin lernt schwimmen, indem der Vater sie immer wieder an der tiefsten Stelle eines Sees ihrer Angst überlässt. Im Haus stehen nachts alle Fenster und Türen offen, damit die Luft zirkuliert. Die Kinder müssen eben mit ihrer Angst fertig werden, dass sich Fremde ins Haus schleichen. Und das geschieht nicht nur einmal.... Oft ist der Kühlschrank leer, die Kinder klauen, essen Katzenfutter, Margarine mit Zucker oder suchen in den Abfallkörben der Schule. Die Eltern weigern sich aus ideologischen Gründen, Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen. Lieber überstehen sie harte Winter in ungeheizten Bruchbuden, mit abenteuerlichen sanitären Verhältnissen und fast ohne Heizung. Sie leben teilweise unter völlig asozialen Bedingungen. Das Ganze spielt in den USA, vor rund 40 Jahren. Es liest sich äußerst faszinierend, ist spannend und teilweise so witzig und amüsant, dass man sich ständig ins Bewusstsein rufen muss, wie unverantwortlich diese Eltern ihren Kindern gegenüber handeln. Die Autorin bewundert ihren Vater, sie hängt an ihrer Familie, nie fällt ein Wort der Anklage oder der Vorwurfs. Ich habe lange kein so fesselndes Buch gelesen. Es müsste jeden Regisseur jucken, diese Stofffülle, dieses Kaleidoskop an Skurrilitäten und Abenteuern zu verfilmen!
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32 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Betroffenheit, Faszination, Bewunderung, Unglauben...,
Von gizm03 "gizm03" (Teneriffa / Santa Barbara) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Schloss aus Glas (Gebundene Ausgabe)
...das alles empfindet man als Leser der Kindheitsbiographie von Jeannette Walls!Jeannette ist ein glückliches Kind: sie wächst mit ihren zwei Schwestern und ihrem Bruder bei ihren unkonventionellen Eltern in ländlicher Umgebung auf, wird von Kindesbeinen an zur Selbständigkeit angehalten...und das von Eltern, die ihr eigenes Leben nicht in den Griff bekommen: der Vater, eigentlich ein intelligenter Mann, hält die Familie anfangs mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Die Mutter, künstlerisch veranlagt und gelernte Lehrerin, kümmert sich weniger um das leibliche Wohl ihrer Kinder, als um das Malen ihrer Bilder, mit denen sie eine anerkannte Künstlerin werden möchte. Sobald den Eltern die Gegend nicht mehr gefällt oder ihnen das Jugendamt wiedereinmal zu nahe kommt, zieht die Familie in Nacht-und-Nebel-Aktionen mit den nötigsten Habseligkeiten einfach an einen anderen Ort. Doch Jeannettes Vater verfällt immer mehr dem Alkohol und bald ist kein Geld mehr vorhanden, um die Kinder zu ernähren... Angespornt von den Träumen des Vaters, der seiner Familie die ganzen Jahre hinweg den großen Goldfund verspricht und an seinen Plänen für das Familienschloss aus Glas tüftelt, das er für sie bauen will, schaffen es die Kinder, trotz aller Widrigkeiten nie den Mut zu verlieren und beginnen bereits in jungen Jahren, sich um ihr eigenes Wohl und das ihrer Eltern selbst zu kümmern... Ein großartiges und überaus bewegendes Buch, das ich an zwei Tagen förmlich verschlungen habe (leider musste ich zwischendrin mal in die Arbeit)! Die Autorin schildert aus ihrer Sicht ihre abenteuerliche, aber auch sehr entbehrungsreiche Kindheit: ständige Ortswechsel, oftmals mit knurrendem Magen ins Bett - das eine zeitlang aus einem karton bestand -, tagsüber die Abfalleimer der Schulen nach Essbarem durchsuchend... und dennoch haben sie an dem Glauben an die Eltern festgehalten. Jeannette Walls vermeidet eigene Wertungen, so ist der Leser hin-und-hergerissen zwischen Bewunderung für die Kinder, Hass auf die Verántwortungslosigkeit der Eltern und andererseits doch wieder Anerkennung für den engen Zusammenhalt der Familie und den unerschütterlichen Glauben, aus Überzeugung das Richtige zu tun. Ein großartiges Buch, das einen von der ersten Seite an fesselt und emotional in die Familie eintauchen lässt! Der Leser erfährt ein Wechselbad der Gefühle, schmunzelt über manche Anekdoten und Ansichten der Eltern, leidet mit den hungernden Kindern und freut sich über die Stärke und Ausdauer der Kinder! Hier wird gezeigt, dass Liebe, Glaube und Hoffnung aber auch Armut, Entbehrungen und ein hartes Schicksal ein kleines Mädchen so weit stärken kann, dass es sich zu einem charakterstarken und erfolgreichen Erwachsenen entwickeln kann! - Man sieht das eigene Schicksal und manch vermeindliche Entbehrungen aus dem eigenen Leben plötzlich mit ganz anderen Augen! Fazit: großartig und unbedingt empfehlenswert!! Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
29 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Zwischen Lachen und Weinen,
Von
Rezension bezieht sich auf: Schloss aus Glas (Taschenbuch)
Dieses Buch hat mich ganz schön aufgewühlt und ich konnte es kaum mehr aus der Hand legen. Beim lesen ist man so zwiegespalten - mag man die Eltern, mag man sie nicht? Jeannette Walls beschreibt ihre Familie - trotz aller chaotischen Zustände - mal sehr liebevoll, mal bewertungsfrei. Es bleibt meist dem Leser überlassen, Sympathien zu entwickeln - nur um sie im nächsten Moment wieder umzuschmeissen...Man bedauert Jeannette und ihre Geschwister, die zeitweise in Pappkartons schlafen und oft nicht wissen, wo die nächste Mahlzeit herkommen soll. Und im nächsten Moment beneidet man sie wieder, weil sie das Glück hat, einen Vater zu haben, der ihr die Natur nahe bringt, ihr die Venus zum Geburtstag schenkt und der ihr so oft das Gefühl gibt, an sie zu glauben. Ein wirklich schönes, unter die Haut gehendes Buch - das leider viel zu schnell zu Ende ist! Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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