Eine nette kleine Liebesgeschichte möchte der Verleger gern haben von Tucholsky, denn "die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können" -- schon der fiktive Briefwechsel, mit dem Tucholsky 1931 seine Sommergeschichte einleitet, ist nicht so harmlos, wie sie daherzukommen scheint. Aber keine Sorge: "Schloss Gripsholm" ist meilenweit entfernt von jedweder enervierenden Problemhuberei.
Der Erzähler Peter reist zusammen mit seiner Freundin Lydia, der "Prinzessin", für den Sommer nach Schweden und bezieht nach langwieriger Quartiersuche eine freundliche kleine Ferienwohnung in einem Nebentrakt von Schloss Gripsholm. Die beiden genießen unbeschwerte Tage, gewürzt mit pointierten Frotzeleien und klugen Überlegungen, und mit am witzigsten sind die Unterhaltungen mit den mehr oder minder Missingsch-durchsetzten Wortwechseln.
Ein Freund von Peter kommt zu Besuch, auch eine Freundin von Lydia findet sich für einige Tage ein, es kommt sogar zu einem erotischen Zwischenspiel ohne anschließende Eifersüchteleien oder sonstige Nachwirkungen. Und außerdem wird ein Kind aus einem bedrückend düsteren Kinderheim gerettet.
Die perfekte Sommergeschichte über perfekte Ferien, tatsächlich.
Tucholsky erweist sich dabei aber auch wieder einmal als scharfer Beobachter: Er erkennt z.B. den Zauber fremder Ortsnamen, "geladen mit alter Sehnsucht und bepackt mit tausend Gedankenverbindungen", doppelt so schön wie die Wirklichkeit der dahintersteckenden Orte, leider; er weist auf die sich abzeichnende Uniformität der Städte aller Länder hin; er liebt den regionalen Eigensinn des Ländlichen mit seiner "Käfersammlung von Leuten, die alle nur einmal vorkommen". Hier und noch öfter kann man einen Augenblick lang die tiefe Melancholie erkennen, die auch während der sorglosen Ferientage nicht ganz verschwunden ist. Schließlich haben sie die Kümmernisse "in der Gepäckaufbewahrungsstelle abgegeben" -- und von dort werden sie sie am Ende auch unverändert wieder abholen. Aber zunächst einmal sind sie die los.
Eine leichtfüßige und dennoch nicht oberflächliche Geschichte, eine Idylle auf Zeit, in die es nicht hineinregnet und die doch nicht kitschig ist -- dafür sorgen Tucholskys geistreicher Stil und sein lakonischer Witz, ganz im Stil der Neuen Sachlichkeit.
Aber Tucholsky wäre nicht Tucholsky, wenn er nicht auch hier, mitten hinein in die perfekte Sommergeschichte, seine treffsichere Kritik an der ganz bestimmt nicht perfekten Gegenwart außerhalb der Sommeridylle auf Zeit einfließen ließe: Nicht von ungefähr ist die verbiesterte Herrscherin über die Kinderheim-Kinder (die meisten kommen aus Deutschland) eine Deutsche, deren Tyrannei jeden Anflug von Mitgefühl und Menschlichkeit abwürgt und stattdessen Denunziation und Misstrauen fördert. Ein so versierter Autor wie Tucholsky flicht schließlich das Kinderheim-Intermezzo nicht in die Idylle ein, um Seiten zu schinden.
Unterschwellig spürt man den Unterton gleich, aber auf die Schliche kommt man dem Autor erst nach und nach. Der eigentliche Zauber dieser zeitlos scheinenden Sommergeschichte besteht nämlich gerade in ihrer von vornherein feststehenden Vergänglichkeit.
Aber egal -- den ganz besonderen Charme von "Schloss Gripsholm" macht einfach die lakonische, unpathetische und kitschfreie Sprache aus, in der Tucholsky dieses Paradies auf Zeit erschafft.
Und nun der Hinweis, dass die vorliegende Ausgabe nicht die empfehlenswerteste ist. Von all den vielen verschiedenen Ausgaben ist nämlich die billigste von Reclam auch die preiswerteste, denn deren Herausgeberin hat ganze Arbeit geleistet, und zwar informativ und klug, und vor allem ihr Nachwort, der Anmerkungsapparat mit seinen Sach-/Worterklärungen (und zwar nicht nur mit Kuriosa über die Könige Gustav den Verstopften und Adolf den Unrasierten), mit den Übersetzungen schwedischer und missing'scher Passagen und den Hinweisen auf biographische Bezüge im Roman.