Der bereits durch Forschungen über das 3. Reich und den Holocaust einem breiteren Publikum bekannte Daniel Goldhagen widmet sich in diesem Buch dem Völkermord im allgemeinen. Dabei verficht er den Ansatz, Genozide als Ausformung des so genannten Elimiationismus zu sehen, der sich auch in Vertreibungen oder der Auslöschung einer Kultur ohne Vernichtung von deren Mitgliedern niederschlage.
Das Potenzial, das das Buch und der Ansatz gehabt hätten, wird leider großteils durch die Art und Weise, wie Goldhagen für seine Thesen bzw. gegen alternative Ansichten argumentiert, verspielt. Als Grundübel zieht sich durch das Buch, dass der Autor meint, Thesen falsifizieren zu können, indem er darauf hinweist, dass es moralisch problematisch wäre, wenn sie zuträfen. Betroffen sind hiervon insbesondere Erklärungsmuster, die auf überindividuelle, strukturelle Faktoren als Genozid-Ursachen verweisen und damit die Bedeutung individueller Entscheidungen als eher gering betrachten. Es mag nun sein, dass damit auch die Zuschreibung moralischer Verantwortung erschwert wird. Aber: Für die empirische Frage, wie wichtig Individuen und ihre freien Entscheidungen als Ursachen von Völkermorden sind, ist das völlig unerheblich. Dass Goldhagen dies offenbar radikal anders sieht und außer der moralischen nahezu keine empirische Kritik an dem genannten Erklärungsmuster vorbringt, führt dazu, dass seine die freien Entscheidungen betonende Perspektive in diesem Buch gänzlich unzureichend begründet wird und das ganze Gedankengebäude somit auf Sand gebaut ist.
Ein weiterer Schwachpunkt, der mit dem vorigen zusammenhängt und sich ebenfalls häufig im Buch findet, ist Ad-hominem-Kritik, in der Goldhagen Wissenschaftlern, deren Ansichten er nicht teilt, böswillige Absichten zuschreibt (Muster: "These XY wird nur von Leuten vertreten, die die Täter in Schutz nehmen wollen.") Was er damit argumentativ erreichen will, ist unklar, denn es sollte bekannt sein, dass sich der Wahrheitsgehalt einer These nie danach richtet, wer sie warum äußert. Es ist also völlig nutzlos, mit dem beschriebenen Schmutz auf Forscherkollegen zu werfen, und rückt den Autor, der dies dennoch tut, ebenso unnötig wie zurecht in ein schlechtes Licht.
Was aber, wenn Goldhagen sachliche Kritik übt? Manchmal ist sie fundiert und bedenkenswert - in anderen Fällen aber auch einfach abenteuerlich. So bezeichnet Goldhagen z. B. an einer Stelle das Milgram-Experiment als "pseudowissenschaftlich". Wer hier nun eine methodologische Kritik des Experiments erwartet, um diese Einschätzung zu fundieren, wird aber leider enttäuscht - mit keinem Wort begründet Goldhagen, was genau er methodisch an dieser Studie bemängelt. Damit auch Nichtsoziologen verstehen, wie nötig dies gewesen wäre, sei gesagt, dass besagtes "pseudowissenschaftliche" Experiment an der Universität Konstanz einen festen Platz als Anschauungsmaterial in der Vorlesung zu sozialwissenschaftlichen Forschungsmethodik hat.
Abschließend lässt sich daher sagen, dass auch der innovativste Ansatz wenig überzeugend bleibt, wenn er derart schlecht wie in diesem Buch argumentativ unterfüttert wird. Was wirklich von Goldhagens Hypothesen (nur höchst selten: Ergebnissen) zu halten ist, wird sich erst herausstellen, wenn sie von sachlichen Forscherkollegen aufgegriffen und einer empirischen, nicht moralischen Kritik unterzogen werden, in der Forschungsresultat und Werturteil getrennt bleiben. Da das Buch immerhin als Hypothesensammlung einiges Potenzial beinhaltet, wird noch die Wertung von 2 Sternen erreicht.