Durch Zufall landet Sam Apple, New Yorker Journalist, Mitte 20, bei dem Vortrag eines österreichischen Wanderschäfers, "dem letzten seiner Art". Dieser Mann mit seinem breitkrempigen Hut, der sowohl seinen Schafen in Österreich wie auch dem erstaunten Publikum im jüdischen Kulturzentrum selbstbewusst jiddische Lieder vorträgt und dabei seine Einsichten über das Leben zum Besten gibt, fasziniert den jungen Journalisten. Nur kurze Zeit später befindet sich Sam Apple bereits genau dort, wo die Erzählungen des Wanderschäfers in New York aufhörten: in den österreichischen Alpen, inmitten einer riesigen Schafherde, über sich den blauen Himmel Österreichs, unter sich den stinkenden Schafmist. Der, wie wir nun wissen, "neben den herzerfrischenden Köteln der Ziege und den gedeihlichen runden Fladen des Rindes" mit seinem breiigen Grünbraun, "eine herbe Enttäuschung" darstellt.
Es sind jedoch nicht nur die Besonderheiten der Schafe, die Sam Apple in seinem Reisebericht "Schlepping durch die Alpen" beschreibt. Interessanter dürfte seine Sicht auf Österreich sein, dessen Sitten und Gebräuche der Gegenwart sowie dessen politische Vergangenheit nach Anschluss an Hitlerdeutschland während des Zweiten Weltkrieges. Fremdwahrnehmung interessiert immer, und wenn wir von Sam Apples unbeholfenen Bemühungen lesen, von einem großen Laib Brot per Hand eine Scheibe abzuschneiden - wo es doch in New York nur Schnittbrot gäbe - amüsiert uns das sehr. Seine Darstellung der Grausamkeiten, welche die österreichischen Juden nach der Annexion erleiden mussten, ist dafür umso schockierender.
Genau das jedoch ist das Hauptthema dieses nur auf den ersten Blick komischen Reisebuches von Sam Apple. Subtil drängt sich immer wieder das eigentliche Thema von "Schlepping durch die Alpen" in den Vordergrund: das Verhältnis von Österreichern zu Juden und umgekehrt, das Verhältnis des jüdischen Journalisten Sam Apple zu den Österreichern. Dabei zählt er sowohl die Gräueltaten gegen Juden ab 1938 auf, die Amnestien, die Kriegsverbrechern schon wenige Jahre nach ihren Verbrechen gewährt wurden, sowie die gegenwärtige deutschnationale Politik von Jörg Haider. Sam Apple, der als Hypochonder stets in der Angst lebt, unheilbaren Krankheiten zum Opfer zu fallen, der sich vor gerahmten Bildern fürchtet und noch mehr vor festen Beziehungen, Sam Apple sieht in Österreich ein Land voller Antisemiten. Und selbst als er sich in die österreichische Katholiken Ilona verliebt, bleibt sein Gefühl diesem Land gegenüber äußerst skeptisch. In den USA sorgte das hierzulande von Monika Schmalz aus dem Amerikanischen übersetzte Werk für große Zustimmung. Die zum Teil naiven und einseitigen Beschreibungen des sich im "alten Europa" befindlichen Österreich stoßen bei einem deutschsprachigen Publikum dafür wohl eher auf Distanz denn auf Zustimmung.
Lesenswert ist Sam Apples Debütwerk, das mit zahlreichen Schwarzweißfotos der Reise durch die österreichischen Berge illustriert ist, jedoch allemal. "Schlepping durch die Alpen" vereint Reisebuch, Tatsachenbericht und Selbstfindungsroman zugleich, ist von Thematik und Stil erfrischend ungewöhnlich und lädt ein, es dem Autor gleichzutun: In die Stiefel zu steigen und eine Reise zu wagen, die in ferne Gebiete und nicht zuletzt zu sich selbst führt.