Kurzbeschreibung
Der Verlag über das Buch
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Herve hat kaum Hunger, ich auch nicht. Wir geben uns mit einem gemischten Salat und einer halben Ananas zufrieden, die wir im Rumpf unseres schwimmenden Hauses verzehren, wo wir eine amerikanische Küche im Stil der dreißiger Jahre mit einer Bar eingerichtet haben. Auf dem Flohmarkt hatten wir eine hinreißende Theke aus Akazienholz, eine blaue Bank und zwei Bistro-Tische gefunden - die ganze Einrichtung.
Ich bin im siebten Monat schwanger und trage ein geblümtes Kleid, das angenehm leicht ist. Es stammt aus meiner nordalgerischen Heimat, der Kabylei. Ab und zu spüre ich, wie sich das Baby in meinem Bauch bewegt, und kann es immer noch nicht fassen, ein Kind von dem Mann, den ich liebe, auf die Welt zu bringen! Für viele Frauen ist das wohl das Normalste auf der Welt. Für mich bedeutet es das Ende eines langen Kampfes, die Verwirklichung eines Traumes, den ich gestern noch für unmöglich hielt.
Bei der Ultraschalluntersuchung hatte der Arzt gesagt, mein Kleiner bewege sich schon sehr kräftig. Herve und ich haben gelacht.
Plötzlich hören wir, während wir noch essen, Schritte auf dem Deck. Wir haben keine Zeit zu reagieren. Die Tür wird brutal aufgestoßen, und ein bewaffneter Mann dringt in die Wohnküche ein. Kaum erkenne ich ihn, da drückt er auch schon seinen Revolver in meinen Bauch. Er gibt mir einen heftigen Schlag, so daß ich gegen die Bar taumele. Dann stürzt er sich auf Herve und versetzt auch ihm mit dem Lauf seines Revolvers heftige Schläge. In diesem Augenblick dringt ein junges Mädchen in die Küche, läuft auf mich zu, schlägt mit Füßen und Fäusten wahllos auf meinen Körper ein. Sie beschimpft mich und reißt an meinen Haaren, bevor sie sich auf meinen Bauch konzentriert und dort ihre ganze Wut ausläßt, während ich versuche, mich so gut wie möglich zu schützen.
»Ich bin schwanger!« schreie ich.
»Na und?« höhnt das junge Mädchen und schlägt unbekümmert weiter zu.
Die Überrumpelung, vor allem aber die entsetzliche Angst, mein Kind zu verlieren, verschlagen mir die Sprache. Trotz meines schwerfälligen Körpers versuche ich, die Treppe zu erreichen und mich ins Freie zu retten. Doch die wütende Furie hindert mich daran.
Plötzlich höre ich einen Schuß. Der Mann hat Herve verfolgt, der ins Freie geflohen ist. Voller Angst versuche ich ein zweites Mal, das Boot zu verlassen und um Hilfe zu rufen. Das Mädchen drängt mich mit Gewalt zurück und stößt mich die Treppe hinunter.
Ich habe nicht die Kraft aufzustehen."
Auszug aus Der Schleier des Schweigens. Von der eigenen Familie zum Tode verurteilt. von Djura, Rudolf Kimmig. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Bisher bedeckte ein schamvoller Schleier mein Leiden. In meinen Liedern sang ich nur von der Hoffnung. Ich war beseelt von dem Wunsch, das Los der Frauen, die noch unter dem Joch einer überalterten »Tradition« leiden, zu verbessern. In der ganzen Welt.
Nach meinen Auftritten kamen häufig Frauen zu mir und erzählten von sich. Dabei wurde mir bewußt, daß mein Schicksal so außergewöhnlich es auch anmuten mag mit dem vieler Töchter, Schwestern oder Gattinnen übereinstimmt, die stumm sind vor Angst, die glücklich sein wollen und dabei nicht einmal existieren dürfen.
Als ich mich bereit erklärte, mein Leben zu erzählen, wollte ich diesen Schleier des Schweigens lüften, damit eines Tages die Maskerade ein Ende hat, durch die angeblich die Gebräuche der Vorfahren respektiert werden. Menschlich gesehen besitzt sie keinerlei Legitimität mehr.
Juni 1987, dreizehn Uhr
Es ist entsetzlich heiß, und die Kais der Seine sind völlig verlassen. Normalerweise nutzen die Flußschiffer das schöne Wetter, um ihre Boote zu streichen. Doch an diesem Tag wagt niemand, die heißen Planken zu berühren. Unser zu einem Hausboot umgebauter Schleppkahn bewegt sich nicht. Alles ist ruhig.
Herve hat kaum Hunger, ich auch nicht. Wir geben uns mit einem gemischten Salat und einer halben Ananas zufrieden, die wir im Rumpf unseres schwimmenden Hauses verzehren, wo wir eine amerikanische Küche im Stil der dreißiger Jahre mit einer Bar eingerichtet haben. Auf dem Flohmarkt hatten wir eine hinreißende Theke aus Akazienholz, eine blaue Bank und zwei Bistro-Tische gefunden - die ganze Einrichtung.
Ich bin im siebten Monat schwanger und trage ein geblümtes Kleid, das angenehm leicht ist. Es stammt aus meiner nordalgerischen Heimat, der Kabylei. Ab und zu spüre ich, wie sich das Baby in meinem Bauch bewegt, und kann es immer noch nicht fassen, ein Kind von dem Mann, den ich liebe, auf die Welt zu bringen! Für viele Frauen ist das wohl das Normalste auf der Welt. Für mich bedeutet es das Ende eines langen Kampfes, die Verwirklichung eines Traumes, den ich gestern noch für unmöglich hielt.
Bei der Ultraschalluntersuchung hatte der Arzt gesagt, mein Kleiner bewege sich schon sehr kräftig. Herve und ich haben gelacht.
Plötzlich hören wir, während wir noch essen, Schritte auf dem Deck. Wir haben keine Zeit zu reagieren. Die Tür wird brutal aufgestoßen, und ein bewaffneter Mann dringt in die Wohnküche ein. Kaum erkenne ich ihn, da drückt er auch schon seinen Revolver in meinen Bauch. Er gibt mir einen heftigen Schlag, so daß ich gegen die Bar taumele. Dann stürzt er sich auf Herve und versetzt auch ihm mit dem Lauf seines Revolvers heftige Schläge. In diesem Augenblick dringt ein junges Mädchen in die Küche, läuft auf mich zu, schlägt mit Füßen und Fäusten wahllos auf meinen Körper ein. Sie beschimpft mich und reißt an meinen Haaren, bevor sie sich auf meinen Bauch konzentriert und dort ihre ganze Wut ausläßt, während ich versuche, mich so gut wie möglich zu schützen.
»Ich bin schwanger!« schreie ich.
»Na und?« höhnt das junge Mädchen und schlägt unbekümmert weiter zu.
Die Überrumpelung, vor allem aber die entsetzliche Angst, mein Kind zu verlieren, verschlagen mir die Sprache. Trotz meines schwerfälligen Körpers versuche ich, die Treppe zu erreichen und mich ins Freie zu retten. Doch die wütende Furie hindert mich daran.
Plötzlich höre ich einen Schuß. Der Mann hat Herve verfolgt, der ins Freie geflohen ist. Voller Angst versuche ich ein zweites Mal, das Boot zu verlassen und um Hilfe zu rufen. Das Mädchen drängt mich mit Gewalt zurück und stößt mich die Treppe hinunter.
Ich habe nicht die Kraft aufzustehen. Plötzlich kommt der junge Mann wieder in die Küche und ruft seine Komplizin: »Schnell, Sabine, beeil dich.«
Sie hasten die Treppe wieder hoch. Er trägt eine schwarze Lederjacke, und auch sie ist ganz in Schwarz gekleidet, einschließlich der Strumpfhosen. Später frage ich mich, aus welchem Grund die beiden bei dieser Hitze schwarze Kleidung trugen. Man sollte auf ihrer Kleidung wohl keine Blutflecken erkennen können
Ich wage nicht aufzustehen, weil ich befürchte, dann mein Kind zu verlieren. Ich krieche, meinen Bauch mit beiden Händen haltend, zum Telephon, wähle den Notruf der Polizei. Dann nehme ich meinen ganzen Mut zusammen, stehe auf und gehe die Treppe hoch, so schnell es mir mein Zustand erlaubt. Entsetzlich: Herve schwankt auf dem Kai, blutüberströmt. Wie ein Tier, das man abgestochen hat. In diesem Augenblick weiß ich, daß in mir etwas endgültig gestorben ist, auch wenn es mir gelingen sollte, mein Baby zu retten.
An diesem 29. Juni 1987 um dreizehn Uhr hat sich mein Leben geändert.
Denn ich kenne die beiden, die uns überfallen haben: mein Bruder Djamel und meine Nichte Sabine. Ich weiß auch, daß sie es im Auftrag meiner Familie getan haben.
Als ich am nächsten Morgen im Krankenhaus aufwache, ist mein ganzer Körper mit Blutergüssen übersät. Mein Nacken wiegt eine Tonne; ich habe Schmerzen und Angst. Die Polizei war überraschend schnell eingetroffen und hatte unser blutüberströmtes Boot entdeckt. Sie haben mich ins Krankenhaus transportiert. Man gab mir Beruhigungsmittel.
Ich beginne zu kämpfen. Die Kontraktionen meines Uterus zeichnen sich auf dem Bildschirm deutlich ab. Mein Kind! Mein Kind befindet sich in Gefahr! Ich spreche mit ihm, als ob es bereits geboren wäre: »Halt durch! Sei stark!«
Durch meine Haut hindurch streichle ich es sanft; ich denke an die kleine Hand mit den bereits deutlich sichtbaren Fingern, die es mir bei der ersten Ultraschalluntersuchung entgegengestreckt hatte. Damals glaubte ich, ein neues Leben beginnen zu können, vor den Nachstellungen meiner Familie geschützt
Jetzt ist das Leben meines Sohnes bedroht, mein Mann Herve hat so viel Blut verloren, daß ich das Schlimmste befürchte, und mein Hunger auf das Leben wird von meinen Tränen erstickt.
Die Ärztin verschreibt mir krampflösende Mittel und totale Ruhe. Die Zeit bis zur Geburt soll ich liegend verbringen. Sie besteht darauf, daß ich im Krankenhaus bleibe. Sie ahnt wohl, daß ich mich nur hier in Sicherheit befinde.
»Ich möchte nach Hause! Ich kann mich schließlich nicht ewig verstecken!« protestiere ich schwach.
Sie lächelt traurig:
»Eine algerische Frau und zudem Sängerin zu sein, ist sicher nicht einfach
Wenn ich Sie später wieder einmal im Fernsehen sehe, werde ich mich an Sie erinnern.«
Sie macht mir Mut. Die Ärztin ist die erste mitfühlende Person, mit der ich seit dem Überfall spreche. Trotzdem heule ich weiter, ohne Unterlaß. Alles kommt mir so absurd vor.
Es ist die Absurdität der mittelalterlichen Bedingungen, unter denen viele Frauen heute noch leben, auch hier unter westlichem Himmel, wo man sich auf das Jahr zweitausend vorbereitet. Es ist die Absurdität dieser Traditionen, die zwar meine Lieder und meine Musik inspirieren, denen ich aber einen heutigen Sinn zu geben versuche, während die Überlieferungen hartnäckig von einer »Frauenehre« sprechen, für die ich, wie so viele andere Mädchen meiner Herkunft, beinahe mit meinem Leben bezahlt hätte.
Mein Leben
meine geliebte Heimat, die Blumen von Djurdjura, meine Familie, für die ich alles getan habe und die mir trotzdem feindlich gesinnt ist, die meine Liebe zur Kunst und mein Bedürfnis nach Freiheit einfach nicht verstehen kann oder will. Mein Leben, das auf diesem Krankenhausbett, in dem ich um ein kleines Wesen kämpfe, das kein neues Opfer werden soll, vor meinem inneren Auge abläuft, ist schmerzverzerrt und tränenverhangen, aber auch voller Lächeln und Hoffnung.
Wenn der liebe Gott niest, schickt er Narzissen«, sagt bei uns ein Sprichwort. In jedem Frühjahr überschwemmt der liebe Gott mein Heimatdorf Ifigha, das sich an einem Hügel zu Füßen des Djurdjura-Gebirges festklammert, mit Narzissen.
Djurdjura, mons ferratus, der eiserne Berg, wie ihn die Römer getauft haben, erhielt seinen Namen sicher aufgrund der stolzen, mutigen und hartnäckig Widerstand leistenden Bergbevölkerung. Dieses schwierig zu bewirtschaftende Land schmückt sich in seiner Armut mit einer prächtigen Landschaft. Hinter den Hügeln, den Bächen und Flüssen, den Feldern mit den Feigenbäumen und den Ebenen, in denen der Baum des Friedens, der Olivenbaum mit den silbern glänzenden Blättern, so üppig gedeiht, lebt ein Volk, das sich niemandem unterwirft und vor niemandem in die Knie geht, die Kabylen. Sie sind eine Stammesgruppe der Berber, die sich unter der Oberfläche des Islam altes berberisches Brauchtum bewahrt haben.
Hinter ihrer ausgesuchten Höflichkeit und ihrem ausgeprägten Sinn für Gastfreundlichkeit versteckt sich das Wesentliche ihrer Seele: die um jeden Preis zu wahrende Würde, der erstarrte Respekt für traditionelle Werte und eine tief in ihnen verwurzelte Liebe zum ererbten Boden. Die Berber behaupten, sie seien eine reine Rasse. In Wirklichkeit sind sie eine Mischung aus griechischem, sizilianischem, andalusischem, afrikanischem, provenzalischem und türkischem Blut. Wer gerade die Herrschaft über den Landstrich innehatte, heiratete einheimische Frauen oder bemächtigte sich ihrer mit Gewalt. Es gibt hochgewachsene Berber mit hellblauen Augen, kleine mit braunen, Nomaden und Seßhafte, archaische oder dem Modernen gegenüber aufgeschlossene - Orient und Okzident begegnen sich hier. Heiden, Christen, Juden und Muselmanen haben nacheinander diesem Landstrich, dessen Bevölkerung sich einhellig gegen alles von außen Kommende wehrt, ihren Stempel aufgedrückt. Berber und Rebell, mit diesen beiden Begriffen läßt sich meine Heimat charakterisieren.
Berberin und Rebellin, so könnte man auch das kleine Mädchen bezeichnen, das ich war, die Heranwachsende, die ich wurde, und die Frau, die ich heute bin.
Wie die Königin Kahina, deren Schicksal mich seltsam berührte: Es wird erzählt, ihr Vater, König Tabat, habe die kleine Dehya (der Mädchenname von Königin Kahina) zutiefst verachtet, da seine Frau ihm keinen Sohn geschenkt hatte, der als Chef der Berberstämme sein Nachfolger geworden wäre.
Dehya flehte jeden Tag den heiligen Widder an, er möge sie in einen Knaben verwandeln, damit ihr Vater sie endlich liebte. Vergebens. Sie beschloß daher, wie ein Mann zu werden, und übte sich in der Kunst der Waffen. Zenon, ein junger Grieche, brachte ihr das Bogenschießen bei. Sie war darin sehr schnell so geübt, daß das Volk sie nach dem Tod König Tabats zu dessen Nachfolgerin wählte.
Die Kabylen waren in der Vergangenheit ein durchaus sinnenfreudiges Volk gewesen. Die Prüderie und die strengen, das Leben der Frauen reglementierenden Gesetze wurden erst im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die Kolonialisierung und die abendländischen Einflüsse eingeführt. Zu Zeiten König Tabats waren die Sitten sehr viel lockerer, und die Mädchen lebten auch für heutige Verhältnisse recht freizügig. Diejenigen, die die meisten Reifen an den Fußgelenken trugen, standen in der Gunst der Männer am höchsten. Die Zahl der Reifen ließ dabei auf
die Zahl der Liebhaber schließen. Dehya zeichnete sich durch viele Reifen aus. Außerdem bekam sie von Zenon ein Kind, ohne daß sie ihn deswegen geheiratet hätte.
Die neue Königin beschränkte sich nicht nur auf ihre herkömmlichen Krieger, sondern bildete auch eine Amazonenarmee aus, die fähig war, ihr in den Schlachten gegen die arabischen Eindringlinge zu folgen. Ihr Instinkt und eine nahezu hellseherische Begabung halfen ihr, ihre Gegner zu besiegen. Diese nannten sie Kahina, die Prophetin, oder, negativ ausgedrückt, die Hexe. Die Berber vergötterten sie zunächst. Dann zwangen sie sie, wahrscheinlich aus Sehnsucht nach männlicher Autorität, sich zu verheiraten, damit das Volk wieder einen richtigen König, einen Mann, bekäme. Um sich zu rächen, wählte Kahina den ältesten, abstoßendsten und tyrannischsten unter den Bewerbern: Ihr wolltet einen Chef? Da habt ihr ihn!
Ihr Mann fing sofort nach der Thronbesteigung mit einem wahren Terrorregime an und kannte nichts anderes als die völlige Unterwerfung seiner Untertanen. Das Volk sehnte sich schon bald nach den alten Zeiten zurück. Kahina, die das Verhalten ihres Mannes haßte, züchtigte ihn öffentlich. Unglücklicherweise hatte sie von ihm einen Sohn bekommen, der seinem Vater auf das Haar glich: Er war ebenso hinterhältig, grausam und gefährlich.
Dennoch übernahm sie wieder das Kommando über die Armeen und errang Sieg auf Sieg. Unglücklicherweise verliebte sie sich in einen jungen Gefangenen, den sie adoptierte, um ihm Zuflucht zu gewähren. Dem damaligen Brauch gemäß, öffnete sie auf der königlichen Treppe stehend ihr Gewand und gab ihm öffentlich ihre Brust, um ihn so als ihren Sohn anzuerkennen. Der junge Mann war, und das ist das Pikante an der Sache, der Neffe des großen Uqba, des Chefs der arabischen Armeen, der zwar dankbar war, daß Kahina seinen Neffen gerettet hatte, aber
dennoch weiterhin die feindlichen Berber und ihre geliebte Hexe vernichten wollte.
Der legitime Sohn der Königin half ihm bei diesem Vorhaben, indem er alle Militärgeheimnisse seiner Mutter an die Feinde verriet.
Kahina verlor an Boden und zerstörte beim Rückzug das gesamte Land, da sie nichts in die Hände des Feindes fallen lassen wollte. Nach und nach ließen ihre Krieger sie im Stich, »Allah Uqbar« rufend, »Allah ist groß«. Nur ihre Amazonen standen ihr bis zuletzt bei, bevor sie sich töten ließ und ihr Reich endgültig an den Feind fiel. So wurde das Berberreich der Römer, das Königreich von Massinissa, von Jugurtha und von Kahina, schließlich zum Ifriqiya der Araber. Das Wort baut auf der Wurzel »frq« auf, die nach Kalif Omar Teilung, Trennung, Aufsplitterung bedeutet.
Die Araber hatten, so scheint es, den zwiespältigen Charakter dieses mutigen und bei großen Angelegenheiten auch einigen Volkes richtig eingeschätzt, das sich ansonsten mit Stammesfehden, internen Händeln und Familienstreitigkeiten aufrieb. Daran hat sich nichts geändert. Trotz der aufrührerischen Kahina, die ich aufgrund ihrer Dickköpfigkeit bewundere und die mir jedesmal als Vorbild gedient hat, wenn ich Kraft brauchte, um meinen Weg fortzusetzen. Die Widerstände waren oft unmenschlich groß, denn meine Familie hat mit allen Mitteln versucht, mich daran zu hindern, obwohl ich alle Opfer für sie gebracht habe. Kahina war wie ich bei ihrer Geburt ein Stein des Anstoßes, eine Quelle tiefer Enttäuschung, denn sie war ein Mädchen
Auch ich war ein Mädchen, und im Dorf wurde meine Geburt nicht gefeiert. Mein Dorf glich einer Festung, wie die meisten Dörfer in der Kabylei erbaut waren, und kehrte der Welt den Rücken zu. Ich werde mich immer an seine Ziegeldächer, seine mit Ton ausgefugten Steinwände und an seine steinigen Wege erinnern. Ich werde es nie vergessen, so wie ich es damals zu Beginn der fünfziger Jahre als kleines Kind erlebt habe
Ifigha liegt mehr als zweihundert Kilometer südöstlich von Algier, abgeschieden hinter dem berühmten Yakouren-Wald in ungefähr tausend Metern Höhe. Die großen Straßen machen einen Bogen um das Vorgebirge, und kaum ein Fremder verirrt sich hierher. Ein unbefestigter, von Eukalyptusbäumen gesäumter Weg führt, wie ich mich erinnere, bis zum Dorfplatz.
Auf der linken Seite stand das Gebäude der französischen Armeeverwaltung, in dem heute die Post untergebracht ist, gegenüber befand sich das Cafe, in dem die Männer manchmal einen ganzen Tag lang vor einem Glas Tee saßen und vor sich hin stierten. Sie trugen alle einen Burnus. Mit einer Hand strichen sie ihren Schnurrbart glatt, während die andere mit der mit Kautabak gefüllten Schachtel spielte. Dabei unterhielten sie sich über die tausend Gerüchte, die im Gebirge umgingen. Einige spielten Runda, ein in Algerien weitverbreitetes spanisches Kartenspiel, und andere Domino
Vor dem Cafe saßen die Alten, mit einem Turban auf dem Kopf, auf dem Boden oder lehnten sich gegen eine Mauer und stützten sich dabei auf ihre knotigen Stöcke. In kurzen, mehr oder weniger banalen Sätzen drückten sie ihren entwaffnenden Fatalismus aus: »El qarn arväatac«, das Ende des Jahrhunderts wird entsetzlich sein, so steht es in den Büchern, oder »Oh! Djil n'toura!«, ach, die Jugend von heute, oder auch ganz einfach »Mektoub«, das ist Schicksal.
Nicht weit vom Cafe entfernt thronte ein Händler, dessen Gesicht sonnenverbrannt war, auf einem niedrigen Schemel vor seinem Laden. Er trug stets einen weißen Kittel. Auf dem Gehsteig türmten sich Eimer, Wannen, Schuhe und Krüge aus grellbuntem Plastik auf. An den Wänden hingen Besen, Schaufeln, Teppiche, Couscous-Töpfe, Geschirr aus emailliertem Blech, das aus China oder den Ostblockländern importiert war, und Töpferwaren aus einheimischer Produktion. Man fand einfach alles: von Gasflaschen über Weizengrieß und Gewürze, Obst und Streichhölzer bis hin zu Bonbons. Der Familie des Händlers gehörten Mühlen, in denen die Oliven gepreßt wurden. Er gehörte zu den angesehenen Personen des Dorfes.
Diese Ecke des Ortes wurde vor allem von den Männern besucht. Die Frauen gingen schnell an dem Cafe vorbei, ohne einen Blick darauf zu werfen. Am Mittwoch vermieden sie den Platz, denn am Markttag hatte die weibliche Bevölkerung dort nichts zu suchen. An diesem Tag kamen viele Bauern aus der Umgebung, um ihre Einkäufe zu erledigen, ihre Erzeugnisse zu tauschen und miteinander zu reden. Die Reichsten kauften Fleisch, das sie aus einem naiven Stolz immer oben auf ihren Einkaufskorb legten, so daß es jeder sehen konnte. Auf diese Weise teilten sie dem Dorf ohne große Worte mit, daß eine Geldüberweisung eingetroffen war und daß auf der anderen Seite des Mittelmeers ein Sohn oder Bruder an sie dachte.