Von Minette Walters ist man ja einiges gewöhnt, aber dieses neue Buch geht noch mehr unter die Haut als die vorherigen. Wieder tun sich Abgründe in der menschlichen Psyche auf, und wieder versteht es Minette Walters, einem trotz der geschilderten Grausamkeiten alle Personen nahezubringen und die eigenen Vorurteile zu hinterfragen.
Ungewöhnlich war die Art der Schilderung, diesmal in der ersten Person, aus Sicht von Mrs. Ranelagh, in deren Armen Annie Butts 1978 starb. Obwohl Mrs. Ranelagh mit ihrer Forderung nach einer genauen Untersuchung zu Annies Tod gescheitert war, und im Zuge dessen fast für verrückt erklärt wurde, verbringt sie die nächsten 20 Jahre damit, Informationen zu sammeln, um eine erneute Untersuchung zu erzwingen.
Die eigentlichen Beweggründe für den „Kreuzzug" von Mrs. Ranelagh bleiben dabei nebulös. Geht es um Gerechtigkeit oder vielleicht doch nur um Rache ? Nach und nach wird klar, was im November 1978 wirklich geschah, und in bester Minette-Walters-Tradition verschlägt es einem dabei nicht nur einmal den Atem. Die von Haß und Neid erfüllte Atmosphäre wird fast greifbar, und was bei einem anderen Autor leicht ins Theatralische umschlagen könnte, wird hier zu einer eindringlichen Milieustudie.
Fazit : Nach dem etwas enttäuschenden „Wellenbrecher" läuft Minette Walters hier wieder zu Hochform auf. Als Warnung für alle mit schwachen Nerven (oder Mägen) sei jedoch gesagt, daß die Autorin dem Leser ziemlich viel abverlangt und „Schlangenlinien" keinesfalls leichte Kost ist.