Erst scheint es wie ein Reiseführer für amerikanische Städtereisende: Europe in 7 days. Im Schnellschritt geht's an der Deutschen Oper, dem Prinzessinnen Palais, dem Zeughaus, dem Alten Fritz vorbei über die Hauptstadtstudios von ARD und ZDF zum Potsdamer Platz (Kempken: Behilflich ist Ihnen die Linie 200).
Kempken ist ganz offensichtlich ein Weltenbummler, und da hat er wohl viele Lonely Planets gelesen und eins gelernt: Touristen wollen nicht unbedingt jede Freske an einer gotischen Kirche erklärt bekommen. Sie wollen vor allem sehen, erfahren und Spaß haben.
Die Strecken, auf denen sich in Berlin die Touristen drängeln, hakt Kempken im Schweinsgalopp ab. Das Angenehme: Durch die Fettungen im Text kann man selbst gut Abhaken - als Berlinerin z.B. wenn man Auswärtsbesuch zum Sightseeing begleiten muss.
Seine Kiezbeschreibungen hingegen bieten trotz seines Tempos eine Fülle an auch dem Eingesessenen Neuem.
Wie viele Berliner kennen schon die 90 alten Gaslaternen aus 36 Städten in der Nähe des Bahnhofs Tiergarten? Wer weiß, dass man im Ave Maria in Schöneberg Weihrauch kaufen kann? Kempken erzählt, wo David Bowie verkehrte und wo es täglich frische Bücher für 1 Euro gibt. Er weist auf Wagenburgen hin und erzählt die Geschichte des besetzten Tommy Weisbecker-Hauses gegenüber der SPD-Zentrale.
Vor allem schaut er genau hin: Er hat den Schriftzug Pressecafé" aus DDR-Zeiten am Vorbau des Berliner-Zeitungs-Gebäudes entdeckt. Das Paar, das gegenüber des Metzer Ecks Sekt in einer Badewanne trinkt, hat er fotografiert. Mir jedenfalls ist die Bronzeskulptur noch nie aufgefallen.
Besonders stark sind die Ausgehtipps: An jeder Ecke fast weiß Kempken von den köstlichsten Restaurants, skurrilsten Kneipen, erlesensten Weinlokalen und duftensten Cafés. Es wird deutlich: Das ist wohl doch kein amerikanischer Tourist, eher schon ein französischer Schlenderer, der die Weltgeschichte auch mal Weltgeschichte sein kann bei einem Glas Wein zum Selbstkostenpreis oder auch einem etwas besseren für 39 Euro: je nach dem.
Ein Punkt Abzug, weil mir dann doch etwas Weltgeschichte fehlte. Aber das ist Geschmacksache.