Georg Markus hat ein neues Buch geschrieben.
Doch: was bedeutet »neu« bei Georg Markus?
»Schlag nach bei Markus« beinhaltet, geordnet nach Stichworten, rund 400 Anekdoten und Geschichten auf mehr als 300 Seiten.
Über 200 der Anekdoten kennt der Markus-Leser schon aus dem Buch »Das heitere Lexikon der Österreicher«; über 100 davon konnte man bereits in »Sie werden lachen, es ist ernst« lesen; über 50 davon kennt man aus »Die Enkel der Tante Jolesch«, zahlreich sind auch die Übernahmen aus den anderen Markus-Büchern - ja, selbst aus den letzten Werken »Was uns geblieben ist«, »Unter uns gesagt«, »Wie die Zeit vergeht« hat Markus zig Geschichten übernommen, um das neue Buch zu füllen. Ein neues Buch, doch wenig Neues. Aber ist das neu bei Georg Markus?
Nein - bei der Lektüre jedes seiner Bücher stösst man unweigerlich auf »alte Bekannte«, da der Autor seine gesammelten Geschichten immer wieder erneut zusammenstellt und wie Bausteine zerlegt und zusammensetzt - und damit eine Bibliographie erzeugt, deren Umfang ein im Grunde falsches Bild vermittelt.
Dies aber zählt seit vielen Jahren schon zur Art, zum ganz bestimmten Merkmal seiner Literatur: Georg Markus schreibt keine Bücher, sondern er collagiert sie aus seinem Fundus an Material, in immer neuen Varianten und ordnet sie immer wieder nach einem neuen Prinzip oder Thema an.
Ein neuer Umschlag, ein neuer Titel, ein neues Schema - und schon baut der sympathische und vielgeschätzte Autor aus dem was er gesammelt hat ein weiteres Buch - und die ironischen Titel sprechen für sich: »Das kommt nicht wieder« oder »Neues von gestern« - der Leser weiß: es ist zwar nicht neu, aber es kommt auf jeden Fall wieder. Nach und nach kommt freilich Material hinzu, da oder dort liest der Autor eine Geschichte die er noch nicht kannte - nichts davon in der Fülle, dass sich daraus ein zur Gänze neues Buch schaffen ließe - aber dies alles wandert doch mit in den Anekdotenschatz des Autors und wird nun ebenfalls von Werk zu Werk weitergetragen.
Hat Markus an einem Satz einmal Gefallen gefunden, so gelingt ihm das Kunststück, einen Weg zu finden, ihn im nächsten Buch wieder unterzubringen: ob es nun eine Freud-Biographie ist, oder ein Hörbiger-Buch - der Satz wird gekonnt eingebaut.
Kritische Stimmen könnten nun fragen: Wie oft kann man es aber dem Leser zumuten dieselbe Geschichte nicht nur zu bezahlen, sondern auch zu lesen? Und WENN man sie wieder einmal lesen möchte - traut es der Autor seinen Lesern nicht zu, die betreffende Stelle in einem der vorhandenen, schon gedruckten und verkauften Bücher zu finden? DIE sind doch da, oder nicht? Nein - sie sind nicht da. Sie sind für den Autor nicht vorhanden. Sie zählen für ihn - und hier wird der Zeitungsjournalist Markus erkennbar - nur als Quelle, ansonsten sind sie für ihn lediglich "yesterdays papers, yesterdays news". Nur als Belege im Anhang leben seine vorherigen Bücher weiter - aber er muss seine Geschichten wieder und wieder erzählen, offenbar in der Sorge, sie könnten verloren gehen. Hinter dem trivialen Geschichtenerzähler verbirgt sich ein faszinierendes Veröffentlichungssystem, das nicht nur komplex und endlos, sondern vor allem einzigartig ist: Markus hat es geschafft, aus ein paar hundert Anekdoten ein umfangreiches, vielgelobtes Lebenswerk zu erschaffen und ist damit ein bedeutender Pionier des copy/paste-Verfahrens.
Und jene Leser, die in ihrem Leben nur EIN Markus-Buch lesen wollen, können beruhigt zu diesem (oder auch zu jedem anderen) greifen: ganz gleich für welches Werk sie sich entscheiden - sie haben damit fast den GANZEN Markus.