... sind nicht nur fast alle Figuren in diesem Film, sondern die überwiegende Zeit bleibt es auch der Betrachter. Das liegt zum einen an der Kargheit und Sprunghaftigkeit der Erzählung: Der Kern der Handlung dreht sich um ein Entwicklungshilfe-Projekt zur Bekämpfung der Schlafkrankheit im zentralafrikanischen Kamerun bzw. darum, dass dieses Projekt zwar immer noch mit viel Geld der WHO gefördert wird, es aber kaum noch Kranke gibt. In der ersten Hälfte des Films ist der Leiter des Projekts, der deutsche Arzt Ebbo Velten, im Zentrum des Interesses. Zu Beginn ist der Zuschauer mit ihm, seiner Frau und seiner Tochter gemeinsam unterwegs und erfährt, dass Ebbo nun nach fünf Jahren nach Deutschland zurückkehren will/soll. Es folgen Begegnungen mit anderen Europäern (einem Franzosen, der Geschäftsideen verfolgt, und einem bulgarischen Arzt, der Ebbos Nachfolger werden soll) und mit einheimischen Angestellten und Regierungsvertretern. Noch bevor der Betrachter sieht, ob Ebbo nun seiner bereits abgereisten Frau und Tochter folgt, wird die Leinwand schwarz, ein Sprung um drei Jahre wird angezeigt und wir begleiten nun Alex Nzila, einen französischen Arzt mit schwarzafrikanischen Wurzeln, der in Paris bei der WHO arbeitet und nach Kamerun geschickt wird. Dort angekommen funktioniert eigentlich nichts: keine Abholung vom Flughafen, kein Antreffen der Verantwortlichen. Nun erfährt der Betrachter erst, dass Alex das Projekt zur Schlafkrankheit evaluieren soll und sich daher mit Ebbo treffen will. Dass dieses Treffen stattfindet, verrät bereits das Kinoplakat bzw. das DVD-Cover, aber auch diese Begegnung verläuft so ganz anders wie schon der vorangegangene Teil des Films.
"Schlafkrankheit" ist der dritte Spielfilm des Regisseurs und Drehbuchautors Ulrich Köhler (
Bungalow und
Montag kommen die Fenster), der bereits in seinen vorangegangenen Geschichten von Menschen auf der Suche nach ihrem Platz im Leben, von ihren Wünschen, Träumen und zuletzt ihrer Identität angesichts der Widerstände des Alltags erzählt. Die titelgebende Schlafkrankheit dient neben der inhaltlichen Ebene auch als Metapher für den Verlust der Orientierung und des Bewusstseins. Wie im Roman von Joseph Conrad (
Herz der Finsternis: Roman, der erkennbar den Hintergrund der Filmerzählung bildet, begeben sich die Hauptfiguren (und mit ihnen die Betrachter) immer tiefer in den afrikanischen Dschungel hinein und entfernen sich von der Zivilisation, der Gemeinschaft und den Sicherheiten bis sie verloren scheinen und auch ein Mythos, wie die Metamorphose eines Menschen zu einem Tier, als mögliche Wirklichkeit erscheint.
Der Film "Schlafkrankheit", für den Ulrich Köhler auf der Berlinale 2011 den silbernen Bären für die beste Regie erhielt, macht es dem Betrachter nicht leicht auf dieser Reise auf der Suche nach Gesichertem, Orientierung und Identität zu folgen, denn neben dem plötzlichen Wechsel der Hauptfigur, werden viele Szenen nur angerissen bzw. Handlungsfäden bleiben unvollendet, es gibt keine Rückblenden und nur wenig Erklärendes. Stilistisch ist der Film der "Berliner Schule" zuzurechnen, die mit minimalem Aufwand (spartanische Erzählhaltung, keine Effekte, kaum Musik) versucht, den Betrachter intellektuell zum Weiterspinnen des Gezeigten anzuregen. Dieses etwas verkopfte Vorgehen verlangt zwar Aufmerksamkeit und Mitarbeit des Zuschauers (der also nicht einfach 'nur genießen' kann), entschädigt aber mit faszinierender Bildsprache und inspirierenden Fragen. Bereits der Vorspann, der sich erst nur aus wenigen Worten 'Licht, Ton, Schnitt, Film' dann zu einer einzigen Tafel mit allen Namen zusammensetzt, um schließlich den Titel daraus zu bilden, verrät viel über die Kunstform Film, die hier angestrebt wird.
Anspruchsvoll und empfehlenswert!
Die Extras der DVD enthalten u.a. ein längeres Interview mit dem Regisseur, welches einiges über seine Arbeits- und Vorgehensweise vermittelt. Zudem hat der Film auch einen biographischen Bezug: geboren 1969 in Marburg, verbrachte Köhler in seiner Kindheit mehrere Jahre in Zaire, dem heutigen Kongo, wo seine Eltern als Entwicklungshelfer arbeiteten.