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1995 verfilmte Joseph Vilsmaier den literarischen Sensationserfolg Schneiders und bestätigte seinen Ruf als Spezialist für modern umgesetzte Heimatthemen. Schon 1988 hatte er mit der Verfilmung des autobiographischen Bauernromans Herbstmilch von Anna Wimschneider auf sich aufmerksam gemacht. 1997 sorgte er dann mit Comedian Harmonists für den größten deutschen Kinohit des Jahres. Hier wirkte auch Ben Becker mit, der in Schlafes Bruder die zweite männliche Hauptrolle spielt. Zum Durchbruch wurde der Streifen für André Eisermann (Kaspar Hauser) als musikalisches Wunderkind Elias, das keine Noten lesen kann, es aber versteht, mit seinem Orgelspiel göttliche Gefühle herauf zu beschwören.
Die Geschichte spielt Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, und Vilsmaier versucht, die bäuerliche Tristesse und die in Elias' kleinem Heimatdorf herrschende Inzucht realistisch abzubilden. Interessant ist, wie er sich die damalige Dorfgesellschaft vorstellt, mit bigotten Geistlichen, prügelnden Lehrern und verbohrten Bauern. Ob das wirklichkeitsnah ist oder nicht, hier wirkt sie wie die Gemeinschaft der Vorhölle und für den fast heiligen Helden des Films gereicht sie zum Untergang. Der Film kam beim Publikum sehr gut an, wurde aber von der Kritik nicht nur gelobt, einige halten die Adaption des Romans für zu pathetisch. Trotzdem, ein 111 Minuten langer Sog wird für denjenigen entstehen, der sich auf die mystischen Stimmungen und die starken Bilder des Films einlässt. --Daphne von Unruh
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Ich kann, obwohl ich die Romanvorlage für grandios und in der Tat für unverfilmbar halte, diesem Film dennoch meine uneingeschränkte Sympathie entgegenbringen. Sicher, der Film ist pathetisch, unrealistisch, märchenhaft, er versucht das Erhabene zu vermitteln (gerade in der Musik!), ein religiöses Urgefühl, eine Verlorenheit in selbstzerstörerischer Liebe und der Übermacht der Natur, aber es hat ja auch niemand behauptet dass dieser Film ein realistisches Porträt des Alltags in den Alpen sei! Selbstverständlich ist vieles daran realistisch: die Armut, der Inzest, der Aberglauben, die kleinen Alltagsfehden, der Schmutz und die Krankheit. Aber wie der Roman transportiert auch der Film (und das mag man als misslungen betrachten, ich tu es jedoch nicht!) ein Moment des Religiösen, des Erhabenen, und das IST pathetisch und muss es sein und ist im Rahmen eines Filmes, den selbst die Darsteller als "grausames Märchen" titulierten, auch tragbar!
Was die Liebesgeschichte zwischen Elias und Elsbeth betrifft, die mag im Film nicht psychologisch genug ausgearbeitet sein. Insgesamt aber ist der Film auch keiner der einen psychologischen Anspruch verfolgt. Hier werden Bilder, Zustände und schmerzliche Prozesse jeweils nur angerissen und mit viel Pathos und Melancholie in Szene gesetzt und der Fantasie des Betrachters anvertraut. Was der Betrachter damit macht, ist meines Erachtens kaum vorherzusagen und ist auch sehr davon abhängig, wie sehr man auf musikalische Elemente reagiert. Die Musik dieses Films untermalt nicht, sondern ist eigenständige und zentrale Instanz. Die pompöse Orgelkomposition oder das ätherisch säuselnde Bach-Stück: "Komm o Tod du Schlafes Bruder" tun das ihre dazu, den Zuschauer aus der Alltagswelt zu entrücken - allerdings nur, wenn man dafür empfänglich ist! Mit einer Phobie gegen sakrale Musik kommt man in diesem Streifen nicht weit!
Das vermeintliche "Overacting" André Eisermanns, das ihm nicht selten vorgeworfen wird (und stellenweise auch berechtigt ist), wird im Rahmen dieses Filmes in ein ganz anderes Licht gerückt. Denn im Rahmen eines märchenhaften, weltfernen und sehr auf der Ästhetik des Momenthaften beruhenden Erzählfilms fügt sich Eisermanns Spiel harmonisch ins Ganze, und die ganze Tragik eines zerrissenen, verstummenden und geniehaften Charakters der sich aus Liebe die Schlaflosigkeit auferlegt wird transparent.
Auch Ben Becker ist in diesem Film brillant. Die Treue und Eifersucht mit der er an Elias' Fersen hängt, ist ganz und gar nicht lächerlich, sondern auch ohne Kenntnis des Romans verständlich.
Bevor ich hier ausschweife, Analyse beiseite und ein subjektives Geschmacksurteil: dieser Film hat mich wirklich mitgerissen. Die Ästhetik der Bilder, das Erhabene der Landschaft und vor allem der brillante Soundtrack haben die Romanvorlage gekonnt, im Rahmen der Möglichkeiten eben, in Szene gesetzt. Die Tragik des Films hat mich lange nicht mehr losgelassen, allein für die Schluss-Szenen könnte man sterben, da hat Vilsmaier viel mehr psychologisches Geschick an den Tag gelegt als ein gewisser Regisseur der alte Frauen Schmuck von der Reeling werfen lässt während Celine Dion vor sich hin säuselt! *g*
Auf meiner Filmtoplist ist dieser Film ganz oben, ich habe ihn bestimmt zehn mal gesehen und ich werde dessen nicht müde.
Ganz innig ans Herz legen möchte ich allen freilich die Romanvorlage und den Soundtrack. Selten haben drei Kunstwerke so gut zueinandergepasst.
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