Ausgangspunkt ist die Begegnung des jungen Franzosen Paul mit der Deutschen Klara während eines Sprachaustauschs im Jahr 1963 in Bayern, in einem Bergdorf, das nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zur Tagesordnung übergehen, so leben möchte "wie vorher". Nur Paul und Klara scheinen schwer zu tragen an der Last der Geschichte, an den Grauen, die hinter den Bäumen im Wald lauern und am Lachen des Oger ("Le rire de l'ogre", des kinderfressenden Monsters, so der frz. Titel), das sie heimsucht. Dies verbindet sie - und hindert sie andererseits ein Leben lang an ihrem Glück.
"Schlaf nun selig und süß" ist sehr dicht, konsequent auf mehreren Ebenen lesbar und eine Einladung zu sinnieren und zu philosophieren. Währenddessen verfolgt man auch noch gespannt das Schicksal der Hauptprotagonisten mit. Ich habe das Buch in zwei Tagen gelesen und war danach regelrecht erschlagen. Ja, es ist ziemlich bedrückend, man rätselt eine Weile über die Bedeutung der geschilderten Ereignisse. Aber eben dieses Rätseln ist interessant.
In der Vorgeschichte werden Kriegsverbrechen an jüdischen Frauen und Kindern nicht geschönt.
Peju kommt hier nicht so sehr mit einer Botschaft daher als er den Leser auffordert, Fragen zu stellen, sich Gedanken zu machen und zwar darüber, ob Massenverbrechen sich in eine Landschaft, in das kollektive Gedächtnis von Menschen und in deren Körper einschreiben, ob sich solche Traumata vererben und wie Individuen damit umgehen. Es geht um das Verlangen der Einen zu verdrängen und das Bedürfnis Anderer zu verstehen und aufzudecken. Es geht um historische Zeitläufte, Gräuel, zu denen Menschen fähig sind, und Psychologie.
Historische Genauigkeit mag hier nicht auf die Goldwaage gelegt werden. Peju ist vielleicht nicht der Richtige, über Befindlichkeiten der deutschen Nation nach dem Zweiten Weltkrieg zu urteilen. Deutsche Soldaten und französische Frauen sind etwas stereotyp dargestellt, Paul als eine Art Märtyrer. Die Ereignisse dienen jedoch nur als Folie, um die oben geschilderten Gedankengänge und psychischen Prozesse durchzuspielen.
Ungewöhnlich eingebettet ist das Ganze in Motive der Romantik, mit einem Zauberwald und einer Landschaft, in der das Unheimliche lauert, mit Sagenhelden und Doppelgängern, mit rastlos wandernden Akteuren; Unterbewusstsein und Verdrängen spielen eine große Rolle, unter der Oberfläche Verborgenes, das hervorgeholt werden will oder einfach spürbar und doch nicht greifbar ist - Peju ist ein großer Kenner der Romantik und ihrer Schauermärchen mit zahlreichen literaturwissenschaflichen Veröffentlichungen. Interessant auch hier wieder die Wortspiele und Assoziationsketten: Wald - Bäume - Wirrwarr (aus Gedanken oder Ästen) - Lichtung - Baumstumpf - Block - Risse - Hände. Hände, die töten und Hände, die auf die Welt verhelfen. Auftakt und Schluss des Romans bilden zwei Varianten eines Märchens über den Oger.
Peju verbindet historische Ereignisse des 20. Jahrhunderts, Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg, Widerstandsbewegung in Frankreich, Algerienkrieg, 1968; letzteres ein wiederkehrendes Thema bei ihm, ohne dabei sehr präzis zu werden.
Die Landschaftsbeschreibungen (der Bayerische Wald, der Berg Vercors in den französischen Alpen) sind mehr als nur Landschaftsbeschreibungen, Peju bringt die Persönlichkeit dieser Landschaften eindringlich rüber.
Ich habe den Roman auf Französisch gelesen, kann also zur Übersetzungsleistung von Frau Ranke nichts sagen.
Mir hat er "sagenhaft" gefallen!