Ein Nachtrag vorneweg:
In den USA gibt es mittlerweile mehrere neue Ausgaben des Buches, in denen die strengen Regelungen wegen der ständigen Kritik und den vielen Fällen von Gedeihstörung, die mit den Anweisungen des Buches zusammenhingen, deutlich gelockert wurden. Mittlerweile "erlaubt" Ezzo in den neuen Auflagen von Babywise, alle 2 Stunden zu stillen. Das ist zwar noch immer nicht unproblematisch, aber immerhin nicht mehr gefährlich.
Die deutsche Übersetzung basiert aber auf der Ausgabe von 95! Also stehen hier Dinge drin, die in der säkulären Version des Buches offiziell gar nicht mehr vertreten werden, weil sie sich als GEFÄHRLICH erwiesen haben! In der "Christlichen" Version werden allerdings schon immer noch die ganz harten Linien vertreten. Ist es nicht auch vertrauenmindernd, wenn ein Autor in einem Buch eine Sache sagt, in einem anderen das Gegenteil?
Dasselbe gilt für das Schlagen. In der säkulären Version massiv entschärft, bis hin zu Statements "Schlagen sei nicht mehr zeitgemäß". In der "christlichen" mit der Forderung, mit flexiblen Gegenständen (Gummiriemen etc.) das Kind ab ca. 14 Monaten für JEDES Vergehen (Dinge anfassen, die es nicht soll, nicht still (genug) sitzen...)zu züchtigen.
Für mich stellt sich die Frage, wie ich jemandem vertrauen soll, der sich selbst so dermaßen widerspricht!
So, und jetzt zur restlichen Kritik!
Ehrlich gesagt bin ich entsetzt über die vielen positiven Rezensionen, die ich hier gefunden haben.
Die Begründung bleibt immer dieselbe: Es funktioniert.
Natürlich funktioniert es. Natürlich wird ein Baby, das lernt, dass auf sein Weinen nicht eingegangen wird, früher oder später die Klappe halten. Erst recht, wenn es relativ wenig zu essen bekommt. In dem Alter muss ein Kind nämlich noch fast seine ganze Energie ins Wachstum, vor allem des Gehirns, stecken. Daher schreien Babys nur, wenn es ihnen wirklich "wichtig ist". Alles andere wäre eine lebensbedrohliche Energieverschwendung. Schon allein aus diesem Grund sollte man auf das Schreien eines Kindes reagieren. Die Einteilung der Autoren in "angemessenes" und "unangemessenes" Schreien bei einem NEUGEBORENEN tut mir ehrlich gesagt in der Seele weh.
Außerdem sollte jedem klar sein, dass die "wissenschaftlichen" Informationen zu so ziemlich allem (Erziehungsstil, alternative Erziehungsmethoden, Stillen, Schreienlassen) größtenteils falsch sind. Das liegt vor allem am fundamentalistisch christlichen Standpunkt der Autoren, die wissenschaftliche Erkenntnisse größtenteils ablehnen und verlachen (im Buch sind mehrere Stellen, an denen wissenschaftliche Arbeit und Thesen stark verzerrt beschrieben und lächerlich gemacht werden).
Beispiele?
1. Stillen nach Bedarf sorgt NICHT für ein Zurückgehen der Milch. Und auch nicht für einen schlechteren Milchspendereflex. Auch werden Kinder nicht zu Monstern. Ach ja, und es bedeutet nicht, bei jedem Mucks die Brust in den Mund zu schieben. Sondern bei Hungerzeichen. Die lernt man beim Stillen nach Bedarf recht schnell kennen, und sie setzen meist eine ganze Weile ein, bevor das Baby losbrüllt.
Postpartale Depressionen sind beim Stillen nach Bedarf SELTENER als nach Plan.
2. Stillen nach Plan lässt die Milch zurückgehen. In den USA hat die Kinderärztevereinigung (AAP) sich veranlasst gesehen, offiziell vor diesem Programm zu warnen, da dadurch viele Fälle von Gedeihstörung entstanden sind und es sogar TODESFÄLLE gab.
Die Milch geht zurück. Entweder das Kind schreit, dann wird es nach dem Programm als "unangemessenes Schreien" behandelt, oder es meldet sich nicht, dann merkt eh keiner was. Die Autoren erwähnen zwar, dass ein hungriges Kind gefüttert werden soll (notfalls sogar ausnahmsweise mal "zu früh"), aber sie verschwenden kein Wort darauf, wie man den überhaupt erkennt, dass ein Baby Hunger hat.
3. Schreienlassen IST schlecht für das Kind. Es ist Stress. Das Kind hat weder Objektpermanenz noch Zeitgefühl und erst recht kein Konzept von "wenn ich jetzt brav bin krieg ich später was". Es fühlt sich schlicht und einfach verlassen und damit in Todesgefahr. Der Stress erhöht den Kortisolspiegel bei häufigem Schreienlassen in für die Entwicklung schädliche Bereiche. Außerdem wird der Serotoninspiegel dauerhaft gesenkt. Ein niedriger Serotoninspiegel ist zum Beispiel bei Erwachsenen eine Ursache für Depressionen. Neueste Forschungen ergeben auch, dass ein niedriger Serotoninspiegel eine Rolle beim plötzlichen Kindstod (SIDS) spielt!
4. es wird allen Ernstes behauptet, man könne ein Neugeborenes Baby verwöhnen. Daher wird von Tragehilfen ABgeraten. Auch auf den Arm nehmen soll man ein Baby nicht zu oft (ohne Erklärung, was das heißt, also wenn man unsicher ist einfach mal vorsichtshalber gar nicht).
Was jeder wissen sollte ist der fundamentalistisch religiöse Hintergrund des Buches. In den USA gibt es eine ganze Reihe von Folgebänden, in deutlich religiöser und in "weltlicher" Version.
Der Tenor ist gleich: Kinder sind von Geburt an sündig und böse und müssen mit harscher Disziplin von Anfang an auf den "rechten Pfad" gebracht werden.
Es werden völlig altersunangemessene Forderungen an das Kind gestellt.
Das Kind muss gehorchen. Sofort. Jedes Mal.
Jedes "Vergehen" wird mit körperlicher Züchtigung (mit Rute, Strick o.ä.)geahnded (in der weltlichen Version wurde die Züchtigung rausgenommen, mit Hinweisen an interessierte Eltern, zu diesem Thema im kirchlichen Programm mehr zu erfahren).
Da solche Ratschläge in Deutschland den Tatbestand der Anstiftung zu einer Straftat erfüllen würden, werden die Folgebände wohl hierzulande (hoffentlich!) nicht veröffentlicht werden.
Was mir außerdem aufstößt ist, dass die Forderungen nur an die Kinder gehen. Kinder müssen immer sofort reagieren, die Eltern dürfen unmittelbare Wunschbefriedigung fordern. Kinder müssen aber vom Neugeborenenalter an lernen, dass sie keine unmittelbare Wunschbefriedigung bekommen.
Kinder sollen ihre Eltern und Geschwister selbstlos und aufopfernd ("christlich") lieben. Genau diese Art der Liebe wird den Eltern aber den Kindern gegenüber ausgetrieben.
Und letztendlich fällt mir der Tenor der Heimlichkeit auf, der die Bücher durchzieht: in der Öffentlichkeit soll das Kind zu essen bekommen, notfalls zu früh. In der Öffentlichkeit sollen die Eltern nicht züchtigen.
Tut mir leid, aber wenn ich wirklich überzeugt bin, dass mein Handeln gottgefällig und richtig ist, dann hab ich so ein Versteckspiel nicht nötig. Solche Hinweise alleine zeigen mir, dass die Autoren selber wissen, wie falsch ihre Anweisungen sind.
Im Grunde geht es immer nur darum, es den Eltern möglichst leicht zu machen. Die Bedürfnisse des Babys stören da nur. Ehrlich gesagt frag ich mich dann, wozu überhaupt Kinder. Ich denke, ein Teil Opferbereitschaft gehört dazu, wenn man winzige absolut hilflose Wesen in diese Welt bringt.
Ich sehe es schon als meine Verantwortung, meinem Kind als allererstes beizubringen, dass es geliebt wird und mir vertrauen kann, bevor ich mit Forderungen und Disziplin an es herantrete. Und dass das einiges an Arbeit und Anstrengung fordert, ist nun einmal so.
Ich schaff mir ja auch keinen Hamster an und mach dann einfach den Käfig nicht sauber oder füttere ihn nur jeden zweiten Tag, weil mir das alles zu nervig ist (oops, halt, ne Menge Leute tun genau das. Oder setzen das arme Vieh einfach aus...).
Bitte denkt daran, dass ein Kind winzig klein und hilflos ist. Es kann nichts selber machen und es hat weder Sprache noch ein Display. Es kann nur schreien. Und das tut es nur, wenn es ein Bedürfnis hat. Ein Baby eine Stunde oder eine Nacht lang einfach weinen zu lassen, weil jetzt halt Schlafenszeit ist und man seine Ruhe haben will, ist für mich der Gipfel. Es ist grausam. Genauso grausam ist es, ein Baby das Hunger hat nicht zu füttern.
Natürlich funktionieren solche Programme. Aber bitte bedenkt den Preis, den Ihr dafür zahlt (und Eure Kinder).
Für alle die bis hierhin durchgehalten haben, ein paar empfehlenswerte Bücher:
"So beruhige ich mein Baby" von Christine Rankl (aber die Stillinformationen bitte ignorieren).
"Schwangerschaft, Geburt und erstes Lebensjahr" von Regina Hilsberg
"Kinder verstehen" von Herbert Renz-Polster
"Tausend Fragen an die Hebamme" von Birgit Laue
"Schlafen statt Schreien" von Elisabeth Pantley
"Das Handbuch für die stillende Mutter" von der La Leche Liega
"Stillen, das Beste für Ihr Baby" von Regina Hilsberg (leider nur noch 2nd Hand, ist meiner Meinung nach das beste Stillbuch)