Ein Regionalkrimi?
Bestimmt ganz nett, wenn man von hier ist. Ein wenig provinziell wird's halt sein. Kein großer literarischer Anspruch, einfache Sprache, leicht lesbar, aber es werden bekannte Straßen, Gebäude und Menschen genannt. Man darf sich zu Hause fühlen, man ist Insider".
Wie man sich täuschen kann!
Stephan Valentin Müllers Schlachthofsymphonie" ist etwas ganz anderes.
Und auf gar keinen Fall ist der Roman lediglich einer jener Regionalkrimis".
Der Protagonist: Hauptkommissar Rose, ein interessanter, wirklich runder Charakter, als Mensch und als Polizist, kein Abziehbild, nichts Wiederholbares. Er ist aus Fleisch und Blut. Er lebt. Der Autor lebt in ihm.
Der Mordfall selbst: Ein grausames Ritual, doch so sachkundig beschrieben und im Schlachthofmilieu verankert, dass man spürt, auch hier ist die Handlung authentisch, Müller kennt die Situation im Detail, Ort, Abläufe, Farben, Geräusche, und malt daraus ein faszinierendes, fesselndes Bild.
Schnell entsteht mitreißende Spannung, man mag das Buch nicht auf die Seite legen, man könnte etwas verpassen.
Und dann greifen auch mystisch anmutende Ebenen ein.
Zunächst gibt es da den riesigen Kopfschlachter Peschke, der mit einer Elektrozange und einem Bolzenschussapparat die Rinder am Fließband im Akkord tötet und dann still in das Einschussloch hineinlauscht, ob er dort nicht neue Töne für seine Schlachthofsymphonie, die er zu Hause schreibt, erhaschen kann.
Sodann die Gestalt des konsequent in Weiß gekleideten Peter Stillmann, einem Amerikaner, der mich an die Figuren Paul Austers erinnert, ein moderner, aufgeklärter Racheengel, der das Böse sammelt, und der zunächst zögert, unbeteiligt bleiben will, dann aber doch entscheidend eingreift.
Und - für Leser mit einem gewissen literarischen Anspruch: Stefan Müllers Sprache ist alles andere als provinziell. Er kann wirklich schreiben, spielt mit Nuancen, nutzt die Möglichkeiten des Ausdruck, bietet uns überraschende Wendungen und Formulierungen. Kurz: er ist kein Regionalautor, der Begriff Schriftsteller" charakterisiert ihn deutlich besser.
Ich fand es schade, als der Roman zu Ende war, hätte Rik Rose gerne noch eine Weile begleitet und seine faszinierende Sicht der Wirklichkeit mit ihm geteilt.