Dem amerikanischen Original ("Slaughterhouse five") habe ich ohne Zögern 5 Sterne verliehen, denn die hat dieses umwerfend verquere Anti-Kriegsbuch, diese durchgeknallte Science-Fiction-Parodie wahrlich verdient. Ein Meisterwerk!
Aber wehe, wehe, wehe, wenn ich die Übersetzung sehe! – Dazu später.
Zum (hervorragenden) Roman selbst:
"Schlachthof fünf" ist ein komisches Anti-Kriegsbuch, eine Science-Fiction-Parodie, die ausschließlich in der Gegenwart spielt (oder besser: in den Gegenwarten...) – Vonnegut zieht hier alle Register literarischer Klischees durch den Kakao.
Vordergründig geht es um Kriegserlebnisse, die der Erzähler der Rahmenhandlung, Yon Yonson, nicht verarbeiten kann – er erlebte die Bombardierung Dresdens. In dem Roman, den er schließlich schreibt, geht es um die Geschichte von Billy Pilgrim, der ebenfalls als Kriegsgefangener die Bombenangriffe auf Dresden erlebte – und überlebte. Und eigentlich geht es darum, wie man die Welt, die Geschichte der Menschheit sehen soll. Nicht umsonst ist der Protagonist ein Optiker, der in einem nachgerade grotesken Optiker-Milieu lebt mit dem Auftrag, das Sehvermögen der Menschheit zu korrigieren. Man fragt sich nun, auf welcher Norm diese Korrekturen definitionsgemäß beruhen – und ob es diese Norm überhaupt gibt, geben kann. Genau dies stellt nämlich Billy Pilgrims Dasein in Frage.
Doch was hat es mit diesem Pilgrim auf sich? Er erinnert an einen modernen Narren in Christo – schon die abenteuerliche Kostümierung, in der er Krieg und Gefangenschaft erlebt, ist alles andere als soldatisch. So waren Hofnarren früherer Zeiten gekleidet, die als einzige dem König die Wahrheit sagen durften. Aber das 20. Jahrhundert kennt keine Hofnarren mehr, also erklärt man Pilgrim irgendwann für verrückt; ein leichter Nervenzusammenbruch als Auslöser. Die anderen Romanfiguren bleiben Typen, seltsam marionettenhaft, egal wie lebhaft und ergreifend sie geschildert sein mögen. Auf mich wirkte "Schlachthof fünf" daher auch wie die Romanfassung einer modernen commedia dell'arte – komisch, grotesk und grausam zugleich; ein Narrentanz, der eine grauenhafte Geschichte mit den Mitteln der Komik erzählt.
Prägend in Pilgrims Biographie war der Bombenangriff auf Dresden. Aber in seiner Kurzbiographie zu Beginn von Kapitel 2 erfährt man lediglich von seiner Gefangennahme durch die Deutschen und seiner ehrenhaften Entlassung aus der Armee – und von einem Nervenzusammenbruch, mit dem es eigene Bewandtnis hat: Der Name ist Programm; Pilgrim ist tatsächlich eine Art Pilger – aber seine Pilgerfahrt führt ihn nicht durch den Raum, sondern durch die Zeit. Ein Raumschiff aus Tralfamadore hat ihn einmal in eine Zivilisation entführt, die in vier Dimensionen lebt. Chronologische Abläufe sind für sie punktuell darstellbar und wiederholbar – aber nicht zu ändern. Alles ist, wie es ist: "Wenn ein Tralfamadorianer eine Leiche sieht, ist alles, was er denkt, daß der Tote in diesem besonderen Augenblick in einem schlechten Zustand ist". Die Zukunft ist immer gegenwärtig. "So it goes" – "So kann's gehen" (und nicht: "So geht das"!), dieser Satz zieht sich als resignatives Leitmotiv durch den Roman. Billy übernimmt von den Tralfamadorianern deren Wahrnehmung und bewegt sich fortan assoziativ durch die Zeit(en): Die Klotür in seiner Wohnung führt in die Latrinen vom Gefangenenlager 1944, und der Rückweg führt wieder ins Schlafzimmer von 1953... Diese Zeitreisen sind verschränkt mit den Groschenromanen eines erfolglosen Science-Fiction-Autors. Der Leser bleibt bis zuletzt im Ungewissen: Spricht Billy die Wahrheit, oder sind seine Zeitreisen assoziative Bewusstseinsströme, beeinflusst durch die Phantasie eines drittklassigen Schriftstellers? Oder, allgemeiner: Nach welchen Kriterien beurteilt Billy, welche Korrekturgläser zur Wahrnehmung der Wirklichkeit er der Menschheit verpassen will? Gibt es diese Kriterien überhaupt?
"Schlachthof fünf" ist ein außergewöhnlich geistreiches Buch, ein faszinierendes Gedankenexperiment, ein bestürzend authentischer Bericht über die Auswirkungen des Krieges auf den Menschen, der zeigt, wie nahe Komik und Grauen beieinander liegen können.
"Schlachthof fünf" ist aber auch ein trauriges Paradebeispiel dafür, wie eine hingeschluderte Übersetzung Weltliteratur entstellen kann – und zwar auf allen Ebenen. Man merkt ständig, dass Kurt Wagenseil im Akkord "übersetzte", um seinen Schnitt zu machen, denn gerade große Verlage, die sich's doch eigentlich leisten könnten, zahlen ihren Übersetzern einen Hungerlohn. Und entsprechend grausig sind die Ergebnisse; ein Oberstufen-Schüler bekäme für derlei Elaborate gerade noch ein "ausreichend".
Dabei sind das Schlimme noch nicht einmal zahlreiche komisch anmutende Vokabelfehler: "Blutpudding", "Streichholzbüchlein", "Pintsauger" usw. usw. – hier erkennt man wenigstens noch den Originaltext auf Anhieb. Auch dass der Übersetzer nicht wusste, dass das "Purrple Heart" eine hohe militärische Auszeichnung ist, kann man noch verzeihen, und auch, dass die "Green Barets" zwischendurch zu "Grünen Mützen" degradiert werden. Und auch, dass die gute alte Highschool, die 12klassige Gesamtschule in den USA, mehrmals zur Hochschule aufgewertet wird, kann man gerade noch (aber wirklich nur gerade noch) durchgehen lassen. Schlimmer wird's schon, wenn zahlreiche Stilblüten fröhliche Urständ feiern: "Billy [...] wußte, daß die Stadt in etwa dreißig weiteren Tagen in Schutt und Asche gelegt würde." (Da waren die englischen Bomber aber gründlich...) Oder: "Und dann schaltete sie den Gang ihres Wagens an und überfuhr die Mittellinie"... – Davon gibt's noch jede Menge: lebende Felsen, Aufenthaltsräume für Schweine...
Wenn hingegen eine zentrale Phrase des Romans, "so it goes", statt mit "so kann's gehen" o.ä. mit einem sinnentstellenden "so geht das" übersetzt wird, wird die Lage kritisch. Noch kritischer wird‘s, wenn die verschiedenen Sprachebenen des Originals samt und sonders durch eine einzige Stilebene wiedergegeben werden – die vorliegende Übersetzung kennt keinen Unterschied zwischen Landserjargon und einer Versammlung des Lions-Club.
Völlig inakzeptabel ist schließlich eben dieses mitleiderregend daherstolpernde Einheits"deutsch" der Übersetzung selbst. Kann der Übersetzer denn kein Deutsch? War der Lektor bei der Durchsicht stark alkoholisiert? – Schon der (sprachlich) völlig harmlose englische Satz "Billy is spastic in time" wird mit folgendem Drahtverhau wiedergegeben: "Billy ist spastisch in bezug auf die Zeit". Kein Einzelfall...
Wie gesagt, an dem Desaster ist nicht allein der Übersetzer schuld, sondern vor allem eine gewisse Verlagspolitik. Und schuld sind auch Leser, die derlei Unverschämtheiten klaglos hinnehmen und auch schlechteste Übersetzungen kaufen ("Hauptsache billig", heißt wohl das Motto). Hat etwa jede Nation die Übersetzer, die sie verdient?
Hoffen wir auf eine Neuübersetzung eines angemessen bezahlten Übersetzers!