Auch dieser Scholl Latour ist die altbekannte Mischung aus Reiseschriftstellerei und politischer Analyse. Diesmal berichtet der Autor vom Südrand der ehemaligen Sowjetunion, etwa dem Gebiet zwischen Kaukasus und Pamir. Wie sind die Machtverhältnisse und das allgemeine Bewusstsein in den neuentstandenen Republiken, dieser Frage versucht der Autor in Gesprächen mit Augenzeugen und Akteuren auf den Grund zu gehen. Kleine Ereignisse bieten dabei Anlass zu umfassenden geschichtlichen und religionsgeschichtlichen Reflexionen, auch zu Vergleichen mit anderen Schauplätzen. Dabei vernachlässigt Scholl Latour die genauere Analyse der wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen wie immer in sträflicher Weise. In Tadschikistan und Usbekistan, wo ich schon seit über 10 Jahren arbeite, verdienen Lehrer und Ärzte etwa 30 Dollar im Monat. Die Alltagsprobleme sind so drängend, dass Politik, Religion und Kultur keine Rolle spielen. An die Stelle der Religion sind Rituale getreten, von denen keiner genau weiss woher sie kommen und die die Monotonie des Alltags noch erhöhen. Vor diesem Hintergrund scheint mir auch die Theorie einer wachsenden Reislamisierung, zumindestens in Zentralasien, zweifelhaft. Die Sowjets, so meine Beobachtung, haben den Islam so massiv unterdrückt, dass er im Alltag faktisch keine Rolle mehr spielt. In diesem Kontext muss man auch fragen, ob die "Islamisten" Tadschikistans wirklich einen islamischen Staat wollten, wie Scholl Latour behauptet, oder ob es ihnen nur darum ging Pfründe und Einfluss fuer sich und den eigenen Klan zu sichern, etwa ein einträgliches Ministerium. Dafür spricht jedenfalls, dass seit der Verteilung von Macht und Geld Ruhe in Tadschikistan herrscht.
Der Verlierer der Region, so Scholl Latours plausible und zutreffende Analyse ist Russland. Es unterliegt dem demographische Druck der sich schnell vermehrenden Chinesen und turko/iranischen Voelker, verliert gegen Amerika im Wettlauf um geostrategische Vorteile und Rohstoffe und wird aufgerieben von den Befreiungskriegen im Kaukasus. Hin und wieder lockert Scholl Latour seinen Bericht mit Karl May Einlagen auf, etwa wenn er beschreibt, wie er im Kugelhagel Goethe zitiert. Im ganzen ist das Buch jedem zu empfehlen, der sich ein Bild von dieser etwas abgelegenen und vernachlässigten Weltregion machen will und der auf spannende Art unterhalten werden will.