Dass unser Gehirn die Wirklichkeit nicht einfach abbildet, sondern die Welt um uns herum in einer - freilich zu spezifizierenden und im Detail auch sehr kontrovers diskutierten - Weise konstruiert, gehört zu den wichtigsten Einsichten der letzten Jahrzehnte. Und das hat philosophische Konsequenzen. Manche favorisieren daher sogar einen "radikalen Konstruktivismus", während andere darauf verweisen, dass wir schon aus (evolutions)biologischen Gründen nicht völlig in die Irre von Hirngespinsten gehen können, weil wir sonst nicht (über)leben würden. Das ist freilich nur eine Seite der Welt des Gehirns und der Welt im Gehirn
Schöne neue Neuro-Welt: Die Zukunft des Gehirns. Eingriffe, Erklärungen und Ethik.
Die Frage ist allerdings nicht, ob etwas konstruiert und erfunden wird, sondern was und wie viel. Die Frage ist außerdem, was Konstruktivisten genau meinen mit ihren Hypothesen und wie sich ein Konstruktivismus überhaupt plausibel machen lässt, wenn er doch selbst "konstruiert" ist. Diese Fragen wurden in den letzten Jahrzehnten intensiv diskutiert, und so ist es höchste Zeit, etwas Ordnung in die unübersichtliche Situation zu bringen.
Das gelingt einer umfassenden Einführung in die Konzepte und Schlüsselwerke des Konstruktivismus. Herausgegeben hat sie Bernhard Pörksen, seit langem ein fundierter Kenner der Materie. Der Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen skizziert, wie verschiedene Theoriestränge aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, der Psychologie, Hirnforschung, Wissenssoziologie und Philosophie zu der Einsicht gelangten, dass (zumindest vieles) der beziehungsweise unserer Wirklichkeit nicht rekonstruiert oder entdeckt, sondern konstruiert und somit in gewisser Hinsicht erfunden ist. Es gibt keinen unfehlbaren Zugriff auf eine absolute Wahrheit. "Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt", brachte es Humberto Maturana einmal auf den Punkt.
Pörksen diskutiert auch Definitionsprobleme, Begründungsformen und die zentralen Themen der folgenden 31 Beiträge. Diese sind in drei Gruppen geordnet. Zunächst werden Vorläufer und Bezugstheorien des Konstruktivismus vorgestellt (etwa Immanuel Kant, John Dewey, Ludwig Fleck, Jean Piaget, Benjamin Lee Whorf, Gregory Bateson). Dann geht es um Grundlagen und Konzepte, und zwar anhand einschlägiger Standardwerke zum Beispiel von Humberto Maturana, Paul Watzlawick, Karin Knorr-Centina, Niklas Luhmann, Heinz von Foerster, Gerhard Roth und Ernst von Glasersfeld - ein "who is who" des Konstruktivismus. Zuletzt wird dessen Anwendung und Nutzbarmachung in Augenschein genommen: besonders im Hinblick auf Medien, Pädagogik, Systemische Therapie, Management und Literaturwissenschaft.