"Ungeheuerlich" (S. 81) wird zum zentralen Wort in diesem bemerkenswerten Protokoll einer Trauerarbeit. Ungeheuerlich ist zunächst das plötzliche, unbegreifliche Verschwinden des namenlosen Ehemannes, der mitten im Leben steht, durch einen sinnlosen Sportunfall; ungeheuerlich, ja übermenschlich sind die Aufgaben, die nunmehr vor der ebenfalls namenlosen Ehefrau stehen und bewältigt werden wollen: kaum zu leistendes Verstehen des im Grunde unverständlichen Verlustes, Überstehen der Beerdigung, die ersten Nächte allein, Meistern des Alltags, finanzielle Nöte, Trauer und Verstörung, Depression und Verunsicherung, Verantwortung für die beiden Söhne, die jetzt Halbwaisen geworden sind, Besuche bei Arbeitgebern und Kinderpsychologen, Gespräche mit Kollegen, Freunden, (Stief-)Eltern. Ein Sturz ins Bodenlose noch für die Stabilsten unter uns allen, eine Bewährungsprobe selbst für Hartgesottene.
Doch diese "Sie" in Marion Tauschwitz' eindringlicher, konzentrierter Novelle ist keine alltägliche Witwe. Aus der Überzeugung, dass nichts wieder so sein wird wie früher, packt sie ihr Leben und dasjenige ihre Kinder, eine trotzige "Jetzt-erst-recht!"-Haltung an den Tag legend, mit Tatkraft an und rettet so alle drei (man muss schon sagen: bravourös) durch das erste, ungemein diffizile Trauerjahr. Sie macht sich selbst ständig Mut, schuftet für zwei, mobilisiert ungeahnte Energiereserven und riskiert ständig die totale Überforderung. Das zeugt von Charakterstärke und Eigensinn, gelingt aber nur im Vertrauen auf Übersinnliches; auf einen Luxus, den sich die Trauernde, Sehnende ebenfalls häufig gestattet: Träume, Hirngespinste, Wunschvorstellungen werden bewusst zugelassen und ausgelebt. "Sie" lebt somit in zwei Parallelwelten, "funktioniert" mehr, als dass sie existiert, fabuliert auch, und merkt dabei gar nicht, zu was für einem eigenständigen, fabelhaften Menschen sie sich dabei weiterentwickelt hat. Sie wächst (das Umgehen mit dem Trauerfall hat ihr Flügel verliehen, da sie sich dieser Herausforderung mit Überzeugung gestellt hat) über sich selbst hinaus, beeindruckt ihre Umwelt und ist zu guter Letzt für ein gänzliches neues Leben bereit und befähigt: Alles, nur kein Wiederaufguss des früheren! Marion Tauschwitz zeigt nachdrücklich und sogar mit leisem Humor, dass das "Verschwinden" eines geliebten Partners nicht das Ende der Welt bedeuten muss und auch keine Fatalität darstellt.
Lebensweisheiten, Redensarten, Sprüche, Dahingesagtes, Maximen der Großmutter und auch eine Handvoll englische Zitate durchziehen die wenigen Kapitel des schmalen, aber dicht gearbeiteten Bandes: Manches davon entpuppt sich als Unsinn, manches bewahrheitet sich, einige "Bauernregeln" spenden Trost, andere lösen Kopfschütteln aus. Tauschwitz' "Sie" nimmt sie einzeln wie eine Glaskugel in die Hand, liest in ihnen, versucht sie zu interpretieren, überprüft sie, verwirft sie gelegentlich oder nimmt sie dankbar an. Diese Sprichwörter und Miniatur-Platitüden, wie wir sie selbst täglich, gedankenlos kommentierend, für jede x-beliebige Situation parat haben (nur um uns damit vor einer "authentischen" Reaktion zu schützen), gliedern diese erfrischend unsentimentale, nie pathetische Erzählung, deren fast nüchterne Stilmittel in wohltuendem Kontrast zum Los der bemitleidenswerten (aber eben nie um Mitleid heischenden!) jungen Witwe stehen.
Ungeheuerlich ist schließlich die späte, geradezu gespenstische Wiederkehr des viel zu früh Dahingeschiedenen, durch Gebete und Wunschträume ein ums andre Mal Herbeigesehnten. Und, siehe da, was "sie" sich 365 Tage lang als überirdisches Glück ausgemalt hat, erweist sich als trügerisch: Denn der auf wundersame Weise wieder ins Leben Zurückgekehrte hat sich in der Zwischenzeit eben nicht verändert, nicht verändern können. Die erneute Zweisamkeit ist deshalb schwierig, umständlich, dauernd erklärungsbedürftig, von gegenseitigem Unverständnis geprägt. Und nicht zuletzt auch peinlich: "Sie zog ihn ins Wohnzimmer und war fast verlegen, als sie bemerkte, wie er sich interessiert die Veränderungen anschaute, die sie dort vorgenommen hatte. Sie sah ihm unsicher ins Gesicht. Würde er ihr übelnehmen, dass sie so viel umgestaltet hatte?" Ihr, die so viel geschafft hat in der Zwischenzeit, fällt die erneute Konfrontation mit dem Lebensglück von einst immer schwerer, und das Wiederaufwärmen früherer Liebesglut ist ihr lästig. Dieser "alte" Mann, ein verblassender Schatten seiner selbst, hat mit ihrem "neuen" Dasein nur noch sehr, sehr wenig gemein.
Ungeheuerlich ist auch die Wendung, mit der Tauschwitz ihre kluge, vor allem auch lebenskluge Erzählung beschließt und ihre Leser überrascht, wie diese "'Sie", eine Kämpferin voller Lebensmut, ihren früheren Mann vor den Kopf und sich selbst ein Fenster auf stößt: der Zukunft zugewandt, ungebunden, allen unrealistischen Träumen entsagend, frei.
Endlich kann der Witwenschleier abgelegt werden.
Man kann dieses außerordentlich aufwühlende, aber emotional geschickt ausbalancierte, im Ton stets versöhnlich gehaltene Büchlein als autobiographischen Rückblick auffassen, als Lebenshilfe und Trost, als "unerhörte Begebenheit" ganz in der Novellentradition, als behutsame Annäherung an das Tabuthema Tod, als literarisches Kleinod. Ich habe all das darin wahrgenommen und es dennoch von A bis Z als "Anleitung zum Glücklichsein" gelesen. Der Autorin sei Dank!