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Produktinformation
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Bis weit in die 70er-Jahre war es für aufsässige Minderjährige ein leichtes, im Heim zu landen. Unstatthafte Lebensweise, "sexuelle Verwahrlosung" jedwede soziale Auffälligkeit konnte denunzierende Lehrer, Nachbarn, Jugendbehörden, oder die mächtigen Kirchen auf den Plan rufen. Wie im Falle Gisela Nurthen, die mit fünzehn im Dortmunder "Vincenzheim" den unbarmherzigen Nonnen in die Hände fiel. 1961 ging so etwas schnell vonstatten: Frühreif. Legere Kleidung. "Negermusik". Für Nachbarn und Jugendamt eindeutige Signale zum Einschreiten. Im heutigen Mutterhaus der Vincentinerinnen will auf Befragen niemand etwas von Isolationshaft, Schlägen und drakonischen Strafen gehört haben!
Holzpritsche ohne Matratze. Blecheimer für die Notdurft. An das "Besinnungszimmer" immerhin erinnert sich der Bundesverdienstkreuzträger und "Pater der Herzen", als er mit seinem ehemaligen Zögling Gerald Hartford konfontiert wird. Ansonsten weist Hartfords ehemaliger Peiniger, der joviale Salvatorianerpater Vincens, in Berlin ein gern und häufig gesehener Talkshow-Gast, jede Schuld von sich. Nach diesem Buch hat dies keinen Sinn mehr. Tatorte und Täter sind bekannt. Die Schleusen sind geöffnet. Einige Kinder und Jugendliche, im Nachkriegsdeutschland aus nichtigem Anlass in rund 3.000 Heimen weggesperrt und zu Zwangsarbeiten degradiert, haben als Erwachsene ihre Scham überwunden und gesprochen. Es gibt noch Hunderttausende von ihnen! Ravi Unger
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
24 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Landstriche des Strafens,
Von
Rezension bezieht sich auf: Schläge im Namen des Herrn: Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik: Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik. Ein Spiegel-Buch (Gebundene Ausgabe)
Es gibt Institutionen, da hört der Spaß des Bestrafens nie ganz auf. Militärische Ausbildungslager in fast jedem Land der Welt, Gefängnisse, hyperkonservative Gesellschaften etc. - als ich zum Beispiel bei der täglichen TV-Sendung des Fernsehpfarrers Fliege über die Prügelstrafe berichten wollte, wurde mein Auftreten, um das man zunächst gebeten hatte, abgebogen. Ich begann mein Leben zunächst in einem Kinderheim, geriet dann anschließend in die Hände von rituell täglich prügelnden (und anschließend in den Keller sperrenden) Adoptiveltern. Roman Polanski berichtet übrigens aus seiner Zeit in Krakau sehr Ähnliches. Er wurde, genau wie ich, abends um Punkt 19.00 Uhr gezüchtigt - von seinem Onkel, der zuvor Aufseher in einem KZ gewesen war. Dort wurde dergleichen wie ein abendlicher Gottesdienst vor der kompletten Belegschaft stets wie ein Festakt aufgeführt. (Polanski hat wegen dieser Jugenderlebnisse sich motiviert gefühlt, aktuell den Film "Oliver Twist" in die Kinos zu bringen. Dort begegnet man den verschiedensten Bestrafungsmilieus, auch der süffisanten, verdrängt-sexualpathologisch motivierten körperlichen Züchtigung.) Nach dem Krieg blieben aus der Nazi-Zeit ganze Landstriche des Strafens in Deutschland mit unbehelligter Mentalität zurück. Vielleicht machte sich zivilisiertere Kultur erst allmählich in der konsequenten Öffentlichkeit der größeren Städte breit. Hinter verschlossenen Mauern aber passiert viel. Nicht nur das STASI-Milieu der DDR hat 40 Jahre durchweg viel verbrochen. Christliche Heime müssen nicht im hintersten Brasilien oder in Portugal liegen, um verbissenen Unfug zu treiben, der sich sogar noch das Mäntelchen nutzvoller Erziehung umzuhängen die Dreistigkeit hat. Insofern ist es sehr verdienstvoll, dass SPIEGEL-Journalist Peter Wensierski viele Jahre lang zu diesem Thema ausführlich recherchiert hat. Es ist zu hoffen, dass Deutschland, in dem sich lange Zeit eine gruselige Kultur des Strafens festgekrallt hatte, zügig zu einer konsequent humanen Gesellschaft sich verfestigt. Dem aus Deutschland während der Nazi-Zeit geflohenen Psychoanalytiker Erik Erikson wurde erst bei seinen Feldforschungen zu den nordamerikanischen Indianern klar, welches Milieu er hinter sich gelassen hatte: Niemals würden Indianer ihre Kinder prügeln, entdeckte er.
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31 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Sadisten im Schwarzrock,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Schläge im Namen des Herrn: Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik: Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik. Ein Spiegel-Buch (Gebundene Ausgabe)
Mehr als eine halbe Million Kinder und Jugendliche teilten in den siebziger Jahren das Schicksal, in einem der über 3000 Erziehungsheime der Bundesrepublik Deutschland leben zu müssen. Ende der sechziger Jahre lösten die späteren RAF-Terroristen Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin eine „Heimkampagne“ aus, mit der sie die Fürsorge-Zöglinge des hessischen Jugendheims Staffelberg zur Heimrevolte aufriefen. Das „Fanal“ war der Anfang vom Ende der autoritären Heimerziehung.Wer in ein Heim kam, war selten Waisenkind oder kriminell, sondern nichtige Gründe konnten zur Einweisung führen. Ein gesellschaftliches Kartell aus Jugendbehörden, Gerichten, Lehrern, Nachbarn oder Kirchen bestimmten und legten fest, was gut oder böse, wer brav oder ungezogen war, ab wann ein Mädchen sexuell verwahrlost galt. Oftmals Leute, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun hatten, als hinterm eigenen Fenster die Nachbarn zu beobachten und diese ob ihres Lebenswandels zu denunzieren. Uneheliche Geburt galt als Schande. „Wenn du nicht brav bist, kommst du in ein Heim“ lautete die Drohbotschaft an Millionen Kinder und Jugendliche. Wer bis hierher geglaubt hat, nur im Osten, nur in der DDR seien Menschen erniedrigt, gedemütigt, gequält, misshandelt und ihrer Chancen beraubt worden, wird durch dieses Buch eines Besseren belehrt. Was seinerzeit als billige „Entsorgung“ von Störenfrieden funktionierte, kommt die Gesellschaft bis heute teuer zu stehen und die Zahl auffällig gewordener Kinder und Jugendlicher nimmt zu. Am Kern des Problems hat sich jedoch bis heute nichts geändert. In einer aufgeklärten Gesellschaft ohne scheinbare Tabu’s ist es den Traumatisierten bis heute kaum oder nur sehr schwer möglich, über ihre Jahre in Erziehungsanstalten zu sprechen. Sie haben bis heute keine Lobby. Niemand schaut näher hin. Besonders betroffen waren Kinder alleinerziehender Mütter und generell unehelich geborene Kinder. Jürgen Bartsch, der ebenfalls Heimkind war und in den sechziger Jahren vier Kinder ermordete, war lt. Alice Miller kein geborener Mörder, sondern seine Aggressionen die Folge von Bedrohung, tiefer Demütigung, Vernichtung der Würde, Entmachtung und Ängstigung eines kleinen Jungen in Lederhosen, der er einst gewesen war. In einem Brief an seine Adoptiveltern, die den Zehnjährigen wegen Erziehungsschwierigkeiten 1956 in ein Heim gaben, schrieb Bartsch: “Ihr hättet mich nie zu diesen Sadisten im Schwarzrock schicken dürfen...“ Nur selten stehen Prominente zu ihrer Heimvergangenheit. Mario Adorf war ein uneheliches Kind, dazu noch von einem Italiener und kam mit drei Jahren in einen düsteren, katholischen Basaltbau und blieb vor Prügeln nicht verschont. Seine Erinnerungen, die er auch in seiner Autobiografie „Himmel und Erde“ schildert, unterscheiden sich kaum von denen anderer Heimkinder. Als der Wiesbadener Markus Homes den Versuch unternahm, seine Heimerlebnisse in einem großen Verlag zu veröffentlichen, hetzten ihm die betroffenen Dernbacher Schwestern einen Anwalt auf den Hals. Der für den Druck der ersten Auflage gewonnene katholisch orientierte Patmos-Verlag sagte die zweite Auflage ab. Viele Heimkinder von einst haben bis heute nicht über das Trauma ihrer Kindheit sprechen können. Ihre Erlebnisberichte enthüllen das vielleicht größte Unrecht, das jungen Menschen in der Bundesrepublik angetan wurde und das endlich als solches anerkannt werden sollte. Der eigentliche Skandal liegt darin, dass die Beteiligten von damals darauf bauen können, dass die Akten weitgehend vernichtet sind. Kaum ein Heim besitzt aus dieser Zeit noch Unterlagen. Einige verweigerten sowohl den Betroffenen wie auch Journalisten jeglichen Einblick, auch weil man inzwischen betagte ErzieherInnen schonen will. Das aber wäre unerlässlich, denn ändern kann sich nur etwas, wenn die Betroffenen aufstehen und es schaffen, ihr Schweigen zu brechen und die Beteiligten mit dem zugefügten Unrecht und dessen Auswirkungen und Folgen konfrontieren. Viele Einrichtungen sind inzwischen durch neue ersetzt oder modernisiert, die modernen ErzieherInnen können sich an diese Zeit tatsächlich nicht erinnern. Eine Diskussion und Thematisierung im präventiven und rehabilitierenden Sinne wäre aber sehr wichtig, auch aus Solidarität mit Betroffenen der damaligen Zustände. Der Autor Peter Wensierski hat diesen Anfang gemacht. Er bietet mit seinem Buch einen weiteren wichtigen Beitrag und Plattform, falls man diese will. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Anklage im Namen Hunderttausender,
Von
Rezension bezieht sich auf: Schläge im Namen des Herrn: Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik: Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik. Ein Spiegel-Buch (Gebundene Ausgabe)
Um es vorweg zu nehmen: Das Buch schockiert, weil das, was da thematisiert wird, nicht irgendwo stattgefunden hat, wo man vielleicht nichts anderes erwartete, sondern hier vor Ort, überall, mitten in Deutschland, jahrzehntelang, tagtäglich, tausendfach. Es geht um systematische Unterdrückung, Zwangsarbeit, Freiheitsentzug, Vernichtung der Würde: Die Zeitzeugenberichte erinnern an solche derer von Gegnern despotischer Regimes. Wir müssen uns fragen, wie in einem sozialen Rechtsstaat, in dessen Verfassung es heißt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ so etwas möglich war, geduldet und praktiziert werden konnte. In der aktuellen Diskussion um Menschrechtsverletzungen und Folter kann schnell der Eindruck entstehen, so etwas gäbe es „bei uns“ nicht. Doch kaum liest man die ersten Seiten dieses Buches, wird deutlich, hier geht es nicht nur um tragische Einzelschicksale, sondern um massiven Missbrauch von Macht, Demütigungen und Erniedrigungen in ungeheurem Ausmaß. Hunderttausende (!) junger Menschen waren dem brutalen System „Heim“ in der frühen Bundesrepublik unterworfen – ohne Aussicht auf Hilfe oder auch nur Mitgefühl. Die Öffentlichkeit interessierte sich nicht für das, was hinter den Mauern geschah, wollte nicht wissen, wie die Betroffenen mit ihrem Leid fertig wurden und hatte erst recht kein Interesse, etwas an den Zuständen zu ändern, da schließlich die gängigen Moralvorstellungen mit ihnen korrelierten. Die Debatte der letzten Jahre über die Entgleisungen in der Heimpädagogik beschränkte sich vornehmlich auf die Kritik an der Heimerziehungspraxis in der DDR, insbesondere der in den Spezialheimen und Jugendwerkhöfen. Doch gerade der Goldene Westen in der Zeit des Wirtschaftswunders hatte auch seine Verlierer, deren Scheitern mitleidslos in Kauf genommen wurde. Dieses Buch trät dazu bei, einen Teil der Nachkriegsgeschichte Deutschlands aufzuarbeiten und der allzu romantischen Verklärung der Vergangenheit entgegenzuwirken. Das Dokument ist parteiisch, prangert an und ob dieser Angriff durch die maßgeblich angesprochenen Kirchen unwidersprochen bleibt, wird abzuwarten sein. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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