Das Hohelied der Schlaflosigkeit
Jochen Schimmangs Roman «Die Murnausche Lücke»
Eine kleine mathematische Theorie ist nach ihm benannt, die «Murnausche Lücke» so gross ist sein Ruf in Fachkreisen. Mit Respekt hören sich Mathematiker seine Vorträge an, auch über Geld verfügt er inzwischen, und zwar in so ausreichendem Masse, dass er den Zwängen der akademischen Welt schon frühzeitig hat entweichen können. Murnau, so heisst der Mathematiker, hätte alles, beinahe alles für ein sorgloses Leben, wäre da nicht seine Schlaflosigkeit. Jochen Schimmangs Roman «Die Murnausche Lücke» setzt an einem späten Abend ein, in einem Restaurant im Norden Deutschlands, das unter Feinschmeckern einen guten Namen hat und wo zu vorgerückter Stunde Gäste auftauchen, die nachts nicht zur Ruhe kommen, Nachtschwärmer und Schlaflose. Das Gasthaus hat denn auch einen sprechenden Namen: «Insomnia». Hier wartet Murnau auf Katharina, die bedient und bald Feierabend haben wird. Katharina stammt ursprünglich aus St. Petersburg und war früher einmal ein Wunderkind an der Violine. Die Flucht in den Westen versprach eine glänzende Karriere, aber dann brach sie bei einem Konzert zusammen, begann «dies und das zu studieren», ging eine Ehe ein, entfloh dieser wieder und arbeitet nun im Service. Auch sie, stellt sich heraus, ist nachts lange wach. Und dass der Gast und die russische Kellnerin einander mögen, könnte der Anfang sein einer Liebesbeziehung, Genaueres werden wir erst ganz zuletzt erahnen. Jochen Schimmang lässt seinen Murnau gleich selber erzählen, gelassen und fast heiter. In einer Kreisbewegung, die ihn im Restaurant Insomnia festhält, beschreibt Murnau erst sein näheres Umfeld und berichtet danach seiner neuen Liebe aus seinem Leben. In Rückblenden entfaltet er die Existenz eines Menschen, den die Schlaflosigkeit auch mit Melancholie imprägniert hat. Mit seiner Erzählung beginnt Murnau in den sechziger Jahren, zu Beginn des Studiums, als alles noch ziemlich vage schien. Er betreibt «ein bisschen Philosophie, ein bisschen Literaturwissenschaft», aber dann lernt er Anne kennen, die auch unter Schlaflosigkeit leidet, und weil sie Mathematik studiert, wechselt Murnau ins gleiche Fach. Seine Geliebte wendet sich bald wieder von ihm ab, während er sich immer weiter und erfolgreicher in die höheren Sphären der theoretischen Mathematik vorwagt. Folgt eine Ehe mit Rhonda, die auch, nicht ganz überraschend, unter Schlaflosigkeit leidet. Als die Ehe nach vier Jahren wieder geschieden wird, ist Murnau bereits ein berühmter und wohlhabender Professor der Mathematik. Mitte der achtziger Jahre verlässt er die Universität und beginnt, als Privatgelehrter gleichsam, zurückgezogen im Norden Deutschlands, eine «Geschichte der Mathematik» zu schreiben ganz in der Nähe des «Insomnia». Hier wird er Stammgast, hier schliesst er eine Reihe von neuen Bekanntschaften. Das kleine Haus, in das sich Murnau zurückgezogen hat, hält ihn nicht fest. Aber wenn er sich auf Reisen begibt, dann in der Regel, um irgendwo in der wissenschaftlichen Welt, meistens an einem Kongress, einen Vortrag zu halten, etwa über «semistabile elliptische Kurven». Dennoch blitzt immer wieder aktuelle Gegenwart in diese Welt, die ganz auf Zahlen gestimmt scheint, wie ein fernes Echo: «1968» erst, später der Mauerfall in Berlin, dann die Kriege in Jugoslawien. Wie in seinen früheren Romanen gelingen Schimmang auch hier dichte atmosphärische Stimmungsbilder. So etwa in der Beschreibung von Amsterdam, wohin sein Held sich für einige Zeit zurückzieht, weil er dort wieder Schwung für sein historisches Werk zu finden hofft. Bei einem seiner Kneipengänge stösst er zufällig auf Dr. Winter, einen Nachbarn, der vor geraumer Zeit kommentarlos das kleine Dorf im Norden Deutschlands verlassen hat und den alle Welt für verschollen hält. Jahrelang war Dr. Winter auch er ein Nachtschwärmer, auch er einer, der seine Karriere abgebrochen hat in einer nahen Klinik als Anästhesist tätig. In Amsterdam ist er untergetaucht, hier verteilt er abends seinen Leidensgenossen Medikamente, Antidepressiva und Beruhigungsmittel, ein Wohltäter mit melancholischem Blick auf die Welt. In Amsterdam schreibt Murnau weiter an seinem Geschichtswerk, mit dem er von der Schönheit und Leichtigkeit der Mathematik künden will. Wieder zu Hause, wird er sein Opus abschliessen können, und im «Insomnia», hier schliesst sich der Bogen, wird er die glückverheissende Bekanntschaft mit Katharina machen. Und es wird sein, als wären sie beide endlich heimgekommen, fern von jeder Aufregung, ohne Karrierendrang, ganz bei sich in einem vermutlich delikaten Glück. Schimmang ist da etwas Köstliches und zugleich Schwieriges gelungen: ein vertrackt leichter Text von grosser Schönheit. Wunderbar, wie sein Held hier schlaf- und schwerelos und mit weit aufgerissenen Augen durch die Welt zieht, wie er mit grosser Gelassenheit davon erzählt, leicht verschattet von einer Melancholie, die den Blick immerfort schärft.
Martin Zingg
Der erfolgreiche Mathematiker Murnau, getrieben von Schlaflosigkeit und Neugier an der Lösung des Fermatschen Problems arbeitend, kehrt nach Jahren in Cambridge in seine ostfriesische Heimat zurück und entdeckt das Wirtshaus "Insomnia" am Deich, das nächtens den Schlaflosen der Region Heimstatt und gute Küche bietet ... Virtuos und mit Leichtigkeit erzählt, ist "Die Murnausche Lücke" ein Roman über die Abenteuer des Geistes, den unerträglichen Wachzustand und die Schwierigkeit, nach Hause zu kommen. Während Ende der sechziger Jahre die Revolution vorangetrieben wird, vertreibt der junge Murnau seine nächtliche Schlaflosigkeit durch mathematische Spiele und entdeckt so seine eigentliche Begabung. Bald danach arbeitet er in Cambridge an der Lösung des Fermatschen Problems, immer noch nachts, denn an seiner Schlaflosigkeit hat sich nichts geändert. Als Mittdreißiger in seine ostfriesischen Heimatstadt zurückgekehrt, entdeckt Murnau das Wirtshaus "Insomnia" am Deich. Dort verknüpft sich seine Geschichte mit der der anderen: der Wirtsleute Heiner und Hanna, die nach bewegten Berliner Zeiten dieses Domizil aufgebaut haben; des Schüler Enno, der an seinem mathematischen Genie scheitert; des Anästhesisten und Menschenfreundes Dr. Winter, der eines Tages verschwindet und von dessen geheimem Glück nur Murnau weiß; schließlich mit der der ehemaligen Geigenvirtuosin und jetzigen Kellnerin Katharina, die seine Schlaflosigkeit teilt.