Gerade habe ich das 400 seitige Buch fertig gelesen und frag mich nun weshalb es von den vorigen Kunden die maximale Punktzahl erhalten hat. Entweder sie haben es nicht von anfang bis ende gelesen oder kennen sich wenig mit der Geschichte der Szene und ihrer Musik aus.
Als erstes muss man bedenken, dass der Herausgeber beinahe jünger ist, als die s.g. Schwarze Szene selbst. Mit Mitte Dreißig kann man wenig über den Ursprung der Szene ende der siebziger Jahre schreiben. Natürlich gibt es einige Beiträge, die von der Vergangenheit erzählen, aber hier liegt auch schon der erste Kritikpunkt. Jedes Kapitel scheint ein Teil eines unvollendeten Buches zu sein, durch den drastischen Themenwechsel wird der leitende Faden vermisst. Mal geht es um eine bestimmte Musikgruppe, danach gibt es mehrere Seiten Fotos, dann eine Diskussion unter Djs, die abrupt endet, usw. Einige Themen wie Kommerzialisierung, Rechtsradikalismus und Kleidung wiederholen sich mehrmals. Die Kapitelanordnung ist so durcheinander und der Inhalt so vermischt wie die Schwarze Szene selbst.
Dabei muss man auch erwähnen, dass einige Bilder am Rande ruhig etwas grösser sein könnten, und manchmal einfach zu viele A4 Fotos und Zeichnungen eines einzelnen Künstlers ausgewählt wurden.
Das Buch fängt recht wissenschaftlich und interessant an, indem es die Bedeutung der schwarzen Kleidung in den verschiedenen Zeitepochen beschreibt und man erwartet wirklich etwas Neues erfahren zu können, doch spätestens ab dem Kapitel mit den missglückten Versuch die unterschiedlichen Musikrichtungen zu beschreiben, bemerkt man die grossen Wissenslücken.
Das ständige hin und her zwischen seriösen Studien und plötzlichen subjektiven Meinungen macht einem etwas stutzig. Was liest man da gerade? Eine Enzyklopädie oder einen dubiösen Artikel eines Webportals? Mal werden anerkannte Soziologen zitiert und Theorien wissenschaftlich begründet und kurz darauf stossen wir auf eine vollkommen unseriöse Befragung einiger Szenegänger (Seite 342/343). Wer, wo und wieviele junge Menschen wurden da überhaupt befragt?
Aber zurück zu den Musikstilen:
Seit wann machen Anne Clark und Cassandra Complex EBM????
Welches Future Pop Lied benutzt bitteschön verzerrte stimmen?
Future Pop ist eine Symbiose aus Synthie Pop und EBM, wobei der melodische Aspekt des einen mit den Rhythmus des anderen kombiniert wird. Er unterscheidet sich vom s.g. Dark Body (z.B. Wumpscut, Leatherstrip, usw.) gerade aufgrund der nicht verzerrten Stimmen.
Einfach zu viele unsinnige und falsche Angaben, die den leider ebenso laien Gothic und Dark Wave Lexicon von Peter Matzke ähneln.
Hier hätte man lieber versuchen sollen mit Hilfe von Musikern und sogar Gemeinschaftswissen (siehe Wikipedia), die chronologische und geographische Entwicklung der jeweiligen Musikstile zu erläutern.
Independent Musiklabels, die wirklichen Verantwortlichen für die Bekanntmachung der Musik, wurden komplett vergessen. Unverzeihlich!
Und wann wurden Depeche Mode bitteschön verspottet? (S.154)
Besonders im elektronischem Bereich wird in diesem Werk die musikalische Ignoranz verdeutlicht. Dank Depeche Mode haben zigtausend junge Menschen in den achtziger Jahren den Weg in die Schwarze Szene gefunden, besonders in Deutschland. Zusammen mit The Cure leiteten sie die beiden musikalischen Hauptendenzen der düsteren alternativen Musik: Die dunkle Elektronik und die eher Akustische, Gitarrenlastige, längst bevor sich die ganzen Subgenres bildeten.
Den beiden längst weltbekannten Gruppen werden aber nicht mal zwei Zeilen gewidmet.
Im übrigen, entstanden The Cure sogar ein Jahr vor Joy Division.
Depeche Mode verhalfen ausserdem u.a. Front 242 und Nitzer Ebb zu ihrem Erfolg und der entgültigen Konsolidierung des EBM als eigenständiges Subgenre, da die beiden Hauptvertreter des Electronic Body Musik ende der achtziger Jahre als Vorgruppen von DM auftraten.
Current 93 und Death in June werden hingegen in fast jedem Kapitel erwähnt, obwohl Neofolk nur einen sehr kleinen Teil der Schwarzen Szene ausmacht. Doch liest man das Buch, bekommt man den Eindruck, als ob dieses Subgenre heutzutage die wichtigste und meistgefolgte Musikrichtung ist, was keinesfalls der Realität entspricht.
Neofolk wird nur von einer geringen Minderheit der Szene gehört.
Noch absurder ist der Versuch jedem Subgenre eine Kleidung anzuordnen. Das war vielleicht vor 30 Jahren noch möglich, aber spätestens ab der karnevalesquen Massenveranstaltung WGT musste einem klar geworden sein, dass abgesehen von einigen Ausnahmen, Kleidung/Ästhetik und Musikrichtung kaum noch in Zusammenhang gebracht werden können.
Die einzige Verbindung, die sich immer mehr zu bestätigen scheint ist, je auffalender das Äussere (Kleidung, Schminke) desto hohler der Inhalt, d.h. bei Künstlern die Musik an sich und bei Fans das allgemeine Musikwissen. Denn immer mehr Ästhetik versucht die mangelnden und unkreativen Musikkompositionen zu kompensieren, um mehr Aufmerksamkeit zu erreichen. Das erklärt die musikalische Mittelmässigkeit der meisten klischeehaften Bands in der heutigen Szene.
Der Beitrag von Genesis P-Orridge hat weniger mit der Entwicklung und Geschichte der Gothic Szene zu tun, sondern bezieht sich auf die Freundschaft mit Ian Curtis, insbesondere den telefonischen Kontakt, der schon im sehr zu empfehlenswertem Buch "Wreckers of Civilisation" von Simon Ford erwähnt wird.
Abgesehen von intensiveren und besseren Recherchen im Bereich der elektronischen Musik und fehlende Information über Musiklabels und Zeitschriften/Fanzines habe ich auch einen Beitrag über die Globalisierung der Musik seit Einbruch des Internetzeitalters vermisst. Musikgruppen der fünf Kontinente bringen kaum noch eigene Heimatseinfüsse in ihrer Musik ein und ähneln sich untereinander immer mehr.
Alles in allem ist Schillerndes Dunkel" trotzdem lesenswert, aber bitte das Kapitel mit den Stilrichtungen (S 145-180) überspringen.
Für eine Enzyklopädie der Gothic Szene reicht es nicht, aber es enthält einige interessante und gleichzeitig unterhaltsame Beiträge.