Wer sich auf die Suche nach Aufnahmen von Klughardts 'Schilfliedern' machte, hatte es einigermaßen schwer, diese leider kaum noch gespielten Werke der 'Romantik' (nach Gedichten von Nikolaus Lenau) aufzuspüren. Doch jetzt werden Freunde dieses zu Unrecht vergessenen Repertoires erneut fündig. Hatte ich bislang die 'Schilflieder' mit de Vries, Guittart, Janssen genossen, darf ich jetzt mit neuem und großen Hör-Vergnügen diese im mehrfachen Wortsinn taufrische (!!!) Einspielung vom derzeit wohl besten 'Schilfrohrsänger' ;-) Albrecht Mayer (Oboe), der wundervollen Tabea Zimmermann (Bratsche) und dem genialen Markus Becker (Klavier) präferieren; was hier an sensiblem Ausdruck, prononciertem Farbenreichtum und wunderschönen, feinsinnigen musikalischen Dialogen zu hören ist, läßt Freunde intelligent interpretierter, klug präsentierter romantischer Klang-Juwelen jubeln, souverän!
Eigentlich verwunderlich, dass Klughardts / Lenaus 'Schilflieder' nahezu in Vergessenheit geraten konnten; vielleicht bringt Albrecht Mayers neuestes Konzept-Album auch diese natürliche Romantik (romantische Natur), bei Licht besehen ja wahrlich zeitlos, wieder mehr ins Bewußtsein.
August Klughardt
Schilflieder - für Oboe, Viola, Klavier
Fünf Fantasiestücke nach Gedichten von Nikolaus Lenau
01. Langsam, träumerisch 03:35
02. Leidenschaftlich erregt 02:59
03. Zart, in ruhiger Bewegung 05:36
04. Feurig 02:45
05. Sehr ruhig 04:06
Explizit für Oboe geschriebenes Repertoire ist einigermaßen knapp, doch sind Schumanns '3 Romanzen für Hoboe (ad libitum Violine) und Begleitung des Pianoforte', Herzogenbergs 'Trio für Oboe, Horn (Marie-Luise Neunecker) und Klavier' sowie weitere romantische Impressionen (Steinmetz, Becker, Weismann) ganz sicher nicht einfach 'Füller', etwa um auf eine satte Stunde Oboen-Romantik zu kommen, sondern unbedingt sehr bereichernde Ergänzungen des originären Oboen-Repertoires, zumal auch Klughardts 'Schilflieder'-Vertonung eher Schumann'scher Romantik nahe steht, das passt!
Robert Schumann
Romanzen op. 94 für Oboe & Klavier
06. No.1 Nicht schnell 04:06
07. No.2 Einfach, innig 04:40
08. No.3 Nicht schnell 04:49
Heinrich von Herzogenberg
Trio für Oboe, Horn, Klavier, Op.61
09. 1. Allegretto 07:43
10. 2. Presto 03:50
11. 3. Andante con moto 05:54
12. 4. Allegro 04:57
Steinmetz
13. "Liebesruf eines Fauns"
für Englischhorn & Klavier 05:56
Becker
14. Prelude 01:17
Weismann
Variation für Oboe & Klavier, Op.39
15. 4. Lento, molto tranquilo 01:56
Es sollte erwähnt sein, dass die vergleichsweise magere Oboen-Literatur auch Ausdruck der seinerzeitigen unzureichenden Instrumenten- und Spiel-Techniken war, weshalb früher Komponisten Klarinetten den Vorzug gaben. Doch: Wie schön, dass heute ausgereifte Instrumenten-Technik, genial feinfühligstes Spiel, wie das aus großem Herzen kommende künstlerische Engagement gerade die Oboe in ihrer einzigartigen Charakteristik, Schönheit und Vielfalt begeisternd demonstrieren! So ist m.E. diese neue CD ein Muss für Liebhaber dieses Genres und eh für Fans von Albrecht Mayer, Markus Becker, Tabea Zimmermann und Marie-Luise Neunecker. 'Chapeau!', nicht zuletzt auch für die excellente 'Ausgrabungs'-Arbeit ...
Am Rande:
Nikolaus Lenau (Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau, 1802-1850) hat als 'romantischer' Dichter etliche Komponisten inspiriert (Schumann, Hensel, Mendelssohn, Liszt, Wolf, Strauss, Schoeck u.a.), so auch Klughardt. Für Lenau waren stimmungsvolle Naturbilder, die 'an den Schilfgestaden' gesungenen Lieder, romantisch-lyrische Aspekte wichtig. Im Geigenspiel suchte er Trost: 'Die Geige wird täglich einige Stunden gespielt. Es geht ziemlich vorwärts. Mein Ton wird immer fester, sicherer, klarer und voller. Doppelgriffe, Staccato, Triller u.s.w. gelingen zuweilen schon trefflich. Meine Guarneriusgeige ist herrlich, ich küsse sie manchmal vor Entzücken. Sie ist über 100 Jahre alt ..." Und: 'Weil keine Arznei gegen meine bedenkliche Nervenkrankheit helfen wollte, nahm ich endlich meinen göttlichen Josephus Guarnerius hervor, spielte mir einen recht frischen steyerischen Landler und tanzte ..." 1850 starb Lenau in Oberdöbling / Österreich.
Mag August Friedrich Martin Klughardt die Oboe als das ('Schilf)Rohrmundstück-Instrument gesehen haben, liegt der doppelte Wortsinn zu seiner Vertonung von Lenaus 'Schilfliedern' schon nahe. Klughardt (1847 in Köthen geboren, 1902 in Roßlau gestorben) wirkte als Pianist, Komponist, Dirigent; Begegnungen mit Liszt in Weimar, Dirigat von Wagners Ring 1892/93 als Dessauer Hofkapellmeister. Als Komponist hat Klughardt u.a. 6 Symphonien, 8 Orchesterwerke (z.B. Konzertstück für Oboe und Orchester F-Dur op.18), 4 Opern, 3 größere Vokalwerke, 8 Kammermusikstücke (darunter das Bläserquintett C-Dur op.79) sowie eben die 'Schilflieder' nach Lenaus Gedichten hinterlassen.