Sehe, dass die Meinungen zu diesem Buch stark auseinandergehen. Den einen ist es zu schwer lesbar und zu wenig Krimi, den anderen ist die dimensionslose Größe Zeit nicht hinreichend genug erklärt (als ob das ein einzelnes Buch leisten könnte). Mir gefällt "Schilf" ausgesprochen gut, es hat mich gefesselt und auch meinen Intellekt befriedet, es hat mich mitfühlen und mitleiden lassen.
Ich finde, dass Juli Zeh die äußerst unterschiedlichen Charaktere ihrer Hauptpersonen wahnsinnig gut herausarbeitet. Mich fasziniert ihr Stil, den ich poesievoll, aber nicht abgedroschen nennen möchte. Mir gefällt ihre bildreiche Sprache und Passagen, wie "Die Scheinwerfer eines Autos reißen eine Handvoll Bäume an sich und schleudern sie gleich darauf zurück in die Dunkelheit. Schattenpartisanen huschen über das Gras" kann ich mir sehr gut vorstellen.
Absolut beklemmend die Entwicklung ihrer Geschichte als Entführungsfall verbunden mit einem Mord, der nie begangen werden sollte. Die Personen - angefangen bei Sebastian, dem aparten Physiker mit Familie (Maike und Liam), der die Viele-Welten-Theorie vertritt, über Oskar, dem arroganten Großphysiker aus Genf, der an der Teilchenbeschleunigung arbeitet (durchaus als Mephisto zu sehen), über Rita (ob)Skura, der grobschlächtigen Polizeibeamtin, bis zu Schilf, dem totgeweihten Kommissar, sind sehr detailliert beschrieben. M.E hat Juli Zeh eine sehr genaue Beobachtungsgabe und ein erstaunliches Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen.
Es ist sehr spannend zu lesen, dass der Mörder einmal nicht nur gejagt und der Fall auf 380 Seiten gelöst wird, sondern dass es um ein Hineinfühlen dessen geht, was Gefühle, Erwartungen und Enttäuschung aulösen können. Für Sebastian verwandelt sich das Paralleluniversum in eine Parallelgesellschaft. Dummheit, Hysterie und Heuchelei regieren und verwandeln das Leben in ein Karussell.